Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen

Julia Friedrichs


Unbekannte Parallelgesellschaften

Raider heißt jetzt Twix, sonst ändert sich nix, hieß es vor rund 15 Jahren. Danach war der Schokoriegel mit Karamellschicht unter seinem neuen Namen erhältlich. Ein ähnliches Rebranding gibt es auch bei den aktuellen Bildungsreformen: Elite heißt jetzt Exzellenz. In Österreich etwa in Form des I.S.T. Austria, eines postgradualen Instituts im niederösterreichischen Maria Gugging, an dem frühestens ab 2009 Grundlagenforschung in einigen Naturwissenschaften betrieben werden soll. "Elite-Uni", wie es im Volksmund heißt, will man hier keine sein. Der Begriff klingt zu abgehoben und ist durch die Nazis auch historisch vorbelastet. So wird das I.S.T. Austria im aktuellen Regierungsabkommen eben "Exzellenzzentrum" genannt, analog zu ähnlichen Institutionen in der Europäischen Union und ihren Mitgliedsländern. Das politische Ziel ist immer das gleiche: "Exzellente" Wissenschaft soll bessere Bedingungen als auf den "Massen-Unis" vorfinden und sich ganz auf die Forschung konzentrieren. Daraus sollen Innovationen entstehen, die sich wirtschaftlich verwerten lassen und zum Wohlstand der im globalen Wettbewerb stehenden Länder beitragen. So weit die Blaupause der Forschungspolitik.
Was das für gesellschaftliche Auswirkungen hat, wird zumeist übersehen. Im Gegensatz zu Österreich wird in Deutschland zumindest eine vernehmbare Diskussion über die neuen Exzellenzen und alten Eliten geführt. "Es ist kein Zufall, dass Elitedebatten immer in Zeiten allgemeiner Unzufriedenheit, die Veränderungen erzwingen, eine besondere Rolle spielen", konstatiert die FAZ-Redakteurin Heike Schmoll in ihrem Buch "Lob der Elite". Leider hält der Titel nicht annähernd, was er verspricht. Eine konservative Verteidigung von Eliten, die laut Schmoll gerade für Demokratien notwendig sind, wäre eine feine Sache. Sie liefert aber leider über weite Teile eine Geschichte der Bildung – vom antiken Griechenland und Rom über die deutsche Reformation und Aufklärung bis zu den geplanten Exzellenzhochschulen.
Dass sie in den zeitgeschichtlichen Passagen das Scheitern der "Nazi-Eliten" stets in einem Atemzug mit den "gescheiterten DDR-Eliten" erwähnt und somit auf einer unhaltbaren Parallelisierung besteht, ist schon nicht sehr gescheit. Dass sie bei ihrem zum Teil redundanten Überblick aber auf die Arbeiterbewegung komplett vergisst, die mehr zur Bildungsexpansion beigetragen hat als all ihre konservativen Vordenker zusammen, ist inakzeptabel. Die wenigen Seiten, auf denen sie tatsächlich versucht, die Eliten zu loben, sind durchtränkt von Ressentiments: zum einen gegenüber den "Gleichmachern" der 68er-Generation, die individuelle Begabungen – ihrer Ansicht nach die Grundlage aller Eliten – negiert hätten; zum anderen gegenüber den "Technokraten" der aktuellen Forschungspolitik, für die Wissenschaft nur mehr nützlich und verwertbar sein soll.
Obwohl Schmoll ihnen, die die gegenwärtigen Exzellenzinitiativen betreiben, kurioserweise "politische Korrektheit" vorwirft, gehört die Kritik noch zum Stringentesten des Buchs. Der von den "Bürokraten" gewünschte Forscher von heute erlange Exzellenz vor allem beim Verfassen von Projektanträgen und bei der Eintreibung von Drittmitteln. Als unscharfes Gegenbild skizziert Schmoll Wissenschaftler, die sich umfassend bilden, schrullig vor sich hinforschen und eines mit Sicherheit nicht tun – Forschungsvorhaben auf Englisch zu schreiben, wie es nun allerorts verlangt sei. Schmoll hat sich, das passt, auch im Kampf gegen die Rechtschreibreform verdient gemacht.
Ganz anders "Gestatten: Elite" von Julia Friedrichs. Die 28-jährige freie Autorin hat vor zwei Jahren für Aufsehen gesorgt, als sie sich – erfolgreich – bei der Berateragentur McKinsey beworben hatte. Auf das Einstiegsgehalt von 67.000 Euro plus Dienstwagen verzichtete sie nach kurzem Zögern und verfasste lieber eine danach viel zitierte Reportage. "Gestatten: Elite" ist die sehr lesenswerte Vorgeschichte zu einer erfolgreichen Bewerbung bei McKinsey. Friedrichs lässt sich auf die Frage ein, wie es zur Rekrutierung von Eliten überhaupt kommt und nimmt die Leser mit auf eine Antwortreise.
Die Stationen ihres Roadmovies zwischen Buchdeckeln heißen Elite-Kindergärten (z.B. Villa Ritz in Potsdam für 980 Euro pro Monat), Elite-Schulen (z.B. Schloss Neubeuern bei Rosenheim für 30.000 Euro pro Jahr) und Elite-Unis (z.B. European Business School in Oestrich-Winkel für rund 80.000 Euro pro Masterstudiengang). Es sind aber nicht die nackten Zahlen, die klarmachen, wie der Eliten-Hase läuft, sondern die alltäglichen Begegnungen mit Menschen einer unbekannten "Parallelgesellschaft". Friedrichs trifft Vertreter des Managernachwuchses, die auf neunzig oder mehr Arbeitsstunden pro Woche stolz sind wie Pokerspieler auf ihren Einsatz. Ein Wirtschaftsstudent führt sie nur deshalb über den Campus, weil er dafür "Sozialpunkte" bekommt, die später für die Wahl des Praktikumsplatzes vorteilhaft sind. Und der Geschäftsführer des Elite-Kindergartens erklärt die Wichtigkeit, von der Idee wegzukommen, "dass der Ernst des Lebens erst in der Schule beginnt".
Friedrichs beschreibt eine Gesellschaft, in der tagtäglich Gewinner und Verlierer produziert werden. Dass es bei der Teilhabe an den Eliten nicht um Leistung oder Intelligenz geht, bestätigt der erst 38-jährige Rektor der European Business School: "Die Klassenbesten gehen woandershin, die Klassensprecher sind bei uns." Damit drückt er etwas aus, das Elitenforscher wie der von Friedrichs interviewte Soziologe Michael Hartmann seit langem nachgewiesen haben: Eliten reproduzieren sich über ihre soziale Herkunft, über geteilte Weltbilder, kulturellen Geschmack und souveränes Auftreten – worüber etwa die Klassensprecher eher verfügen als die Klassenbesten. Julia Friedrichs kommt zu dem Schluss, dass "Elite" ein Begriff für Menschen ist, die "in Führungspositionen wollen, politisch auf einer Linie sind und ein Unverständnis für die Probleme des Rests eint. Sie machen mir Angst, weil ich befürchte, dass sie mit diesem Rest wenig zimperlich umgehen werden."

Lukas Wieselberg in FALTER 11/2008



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