Der lange Gang über die Stationen

Reinhard Kaiser-Mühlecker


Der Geschmack von langsam zerkauter Wintergerste

Eine Innovation ist anzuzeigen in der österreichischen Literatur, eine Innovation, die zugleich ein Rückgriff auf Altbewährtes ist. Reinhard Kaiser-Mühlecker, Landwirtssohn aus dem oberösterreichischen Eberstalzell, wendet sich in seinem erstaunlichen Erstlingsroman dem Leben auf dem Lande zu, ohne die zum Klischee erstarrten Topoi der "Antiheimatliteratur" zu strapazieren, ohne aber auch in vormoderne Heile-Welt-Idyllik zu verfallen. Manch ein Kritiker fühlt sich an Adalbert Stifter erinnert bei der Lektüre dieses Debüts, auch mit Peter Handke ist der 25-Jährige bereits verglichen worden, was mit der Bedächtigkeit der Kaiser-Mühlecker'schen Prosa zu tun haben mag, mit der Aufmerksamkeit, die der junge Oberösterreicher den kleinen, alltäglichen Dingen entgegenbringt: dem Geschmack von langsam zerkauter Wintergerste, dem metallenen Geräusch des Sensendengelns, dem schmatzenden Plätschern von Wassertropfen, die langsam von einer Dachrinne fallen: "Auch hinter den kleinen Dingen", schreibt der Autor, "stand jeweils eine Geschichte – musste eine Geschichte stehen, um sie lebendig zu erhalten, lebendig erst zu machen."
Man merkt: Reinhard Kaiser-Mühlecker ist alles andere als ein spektakulärer Erzähler. Wer raffinierte Konstruktionen, rasante Plots und funkelnde Dialoge liebt, ist bei ihm an der falschen Adresse. "Er sah den Dingen zu und ließ sie sich ereignen." Was Kaiser-Mühlecker von seinem Protagonisten behauptet, trifft auch auf ihn selber zu. Schauplatz des Geschehens: ein Bauernhof am Rand des oberösterreichischen Seengebiets, irgendwann in den 1950er-Jahren, man denkt an das Almtal, an die Gegend um Grünau vielleicht. Theodor, der Ich-Erzähler, hat den elterlichen Bauernhof übernommen, er heiratet eine Frau aus der Stadt, eine "gute Frau", wie seine mit auf dem Anwesen lebende Mutter meint.
In präziser, unerhört dichter Prosa schildert Kaiser-Mühlecker, wie sich die Eheleute im Lauf der Jahre abhandenkommen, eine traurige, aber auch eine ganz und gar alltägliche Geschichte. Immer wieder wundert man sich während der Lektüre, woher ein 25-Jähriger die Weltweisheit nimmt, so illusionslos und empathisch über Menschen zu schreiben, die zum Teil doch erheblich älter sind als er.
Reinhard Kaiser-Mühlecker, Jahrgang 1982, gehört einer anderen, jüngeren Generation an als die Heroen der österreichischen Antiheimatliteratur. Vierzig Jahre trennen ihn von Franz Innerhofer und immerhin noch dreißig von Josef Winkler. Entsprechend andere Erfahrungen hat er gemacht. Er hat die österreichische Provinz nicht – oder nicht ausschließlich – als dumpfe Seelenzermalmungslandschaft und als Brutstätte wehleidig-aggressiver Denkungsart kennengelernt, die zu politischem Autoritarismus neigt. Der Autor behübscht die Dinge nicht, aber er sieht neben allem Leid und aller Einsamkeit auch die Schönheit, das Staunens- und Bewahrenswerte des Lebens auf dem Land. Dem Antiheimatroman, so bedeutend seine Verdienste auch sind, schlägt wohl allmählich das Totenglöckchen.

Günter Kaindlstorfer in FALTER 11/2008



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