Die Sonne. Biographie unseres Sterns

Dieter Hildebrandt


Die Sonne lacht

Natürlich wurde es wieder einmal Zeit, über die Bedeutung der Sonne für uns Menschen nachzudenken. Die Beziehung zwischen dem alles überstrahlenden Himmelskörper und der Erde ist sowieso die "vielleicht grandioseste Zweierbeziehung im ganzen Universum", sagt Autor Dieter Hildebrandt. Von der Sonne hängt ja bekanntlich das Leben auf der Erde ab, von der Sonne werden unser Lebenszyklus und unsere innere Uhr geprägt. Aber da gibt es noch zwei aktuelle Gründe für ein Buch wie dieses: die Diskussion um den Klimawandel, den wir Menschen wegen Hitze, Dürre, Hungersnot und nicht zuletzt wegen der Bedrohung der Eisbären aufgrund der schmelzenden Eiskappen gerne der Sonne in die Schuhe schieben. Und die Hoffnung, dass die Sonne nicht nur Lebensenergie für Mensch, Tier und Pflanze spendet, sondern auch dank neuer Technologien immer mehr zum Stromlieferanten wird.
Die Sonne ist damit gewissermaßen ein "Saulus/Paulus". Das Böse und das Gute vereint in einem Gestirn – was will ein Erzähler, der sein Buch natürlich mit Spannung versehen will, mehr? "Die Sonne" ist aber nicht nur aus diesem Grund – neben "Lessing. Biographie einer Emanzipation" und "Die Neunte. Schiller, Beethoven und die Geschichte eines Welterfolgs" – zu einem der gelungensten Bücher zur Kulturgeschichte geraten, die Hildebrandt vorgelegt hat.
Das "Böse", die Schattenseite des glänzenden Gestirns, wurde allerdings erst vom Menschen selbst ins Spiel gebracht. Er verursacht die Umweltverschmutzung, hat die Ozonschicht so angegriffen, dass sie löchrig wurde, und damit den schädlichen UV-Strahlen der Sonne erlaubt, in weit stärkerem Maße in die Erdatmosphäre einzudringen, als es ihm selbst gut tut. Das sagen wissenschaftliche Erkenntnisse, nicht nur Kampfredner unter ökologisch bewussten Politikern, das sagt auch Autor Hildebrandt. Schon Elias Canetti schrieb übrigens, die Erde sei eine "Kugel, die immer wieder in die Höhe geworfen wird, um den Himmel zu ärgern".
Die enorme Bedeutung der Sonne war den Menschen schon immer bewusst. Das riesige Gestirn, dessen Durchmesser hundertneunmal größer ist als jener der Erde, war unsere erste große Liebe, schreibt Hildebrandt. "Die Sonnengesänge aller Zeiten bilden zusammen einen großen Choral. Sie alle, vom alten Ägypten bis zur Aufklärung, vom Mittelalter bis zur Moderne, benutzen dieselben Wendungen, äußern das gleiche Entzücken und bezeugen eine leidenschaftliche Dankbarkeit." Für Hildebrandt ist das einer der Gründe dafür, dass wir im Frühjahr nach langen nebeligen Wintertagen gerne jubeln: "Die Sonne lacht." Wie anders sollte man sonst einer großen Liebe begegnen als mit dieser Begeisterung?
Und durch Respekt: Die Sonne wurde und wird verehrt. Gottesfiguren wie Helios, der im Glaubensbild des antiken Griechenland mit seinem Wagen über das Firmament fuhr, wurden gehuldigt. Eine Wende in der "Biographie unseres Sterns", so der Untertitel des Buches, war wohl Xenophanes, der die Sonne als Ausdünstung, als heiße Wolke bezeichnete. Natürlich ein Unsinn, aber irgendwo auch der Beginn einer anderen Sichtweise. Das übermächtige Gestirn materialisierte sich endlich in der Vorstellungswelt der Menschen.
All das mit essayistischer Leichtigkeit nachzuerzählen erfordert ein Talent, das im Sachbuchbereich sonst eher Autoren aus dem angelsächsischen Raum mitbringen oder vielmehr kultiviert haben, die es in der Regel besser beherrschen, Kulturgeschichte zu referieren und gleichzeitig ihren Bezug auf die Gegenwart deutlich zu machen. Dieter Hildebrandt stellt hier eine wohltuende Ausnahme dar. Erst durch die Verehrung der Sonne, so lautet sein Fazit, entstand in den Menschen der Wunsch, mehr über ihren Lebensspender zu erfahren – sie fingen an zu denken und zu forschen und lernten auf diese Weise immer mehr über die Sonne, ein Prozess, der bis heute nicht abgeschlossen ist, wie die Diskussionen um Klimawandel und alternative Energien beweisen.

Peter Illetschko in FALTER 11/2008



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