Die CIA-Lüge. Folter im Namen der Demokratie

Egmont R. Koch


Abu Ghraib ist nicht Dachau

CIA – ein Kürzel, um das sich seit Beginn des Kalten Krieges Legenden und Verschwörungstheorien ranken und hinter dem die meisten Leute die geheime Supermacht schlechthin vermuten. "Die fiktive CIA, wie sie in Romanen und Filmen erscheint, ist omnipotent", fasst Tim Weiner, Autor der mit dem National Book Award ausgezeichneten CIA-Geschichte die übliche Rezeption des amerikanischen Auslandsnachrichtendienstes zusammen. Seine fast 700 Seiten umfassende Dekonstruktion dieser Geschichte fördert ein anderes Bild zutage. Weiners Fazit über die reale Bedeutung der Central Intelligence Agency ist ernüchternd: "Sechzig Jahre lang haben Zehntausende von Geheimdienstbeamten nur kleinste Fetzen an wirklich wichtigen Informationen zusammengetragen – und eben das ist das tiefste Geheimnis der CIA", schlussfolgert der Autor.
Weiner, von Hause aus Journalist und als solcher jahrelang als Auslandkorrespondent der New York Times tätig gewesen, recherchiert seit zwanzig Jahren im Umfeld von CIA-Aktionen. Mit einem auf diesem Hintergrundwissen gründenden sachlichen Blick hebelt er antiamerikanistische Vorurteile und wilde Verschwörungstheorien aus, ohne darüber in eine unkritisch-affirmative Darstellung der amerikanischen Außenpolitik zu verfallen.
In narrativem Stil – Weiners Werk könnte ebenso gut als Politkrimi statt als Sachbuch durchgehen – erzählt er die Geschichte der CIA als eine Geschichte über das Verhältnis der amerikanischen Sicherheits- und Außenpolitik, deren Zankapfel der Nachrichtendienst stets war: So habe das Außenministerium in der CIA von Anfang an eine Organisation gesehen, die "Gerüchte streuen, mit Bestechung arbeiten und nichtkommunistische Tarnorganisationen aufbauen" sollte, während sich das Pentagon "Guerillaverbände, Untergrundarmeen, Sabotage und Mord" gewünscht habe. Betätigt hat sich die CIA meist auf beiden Gebieten, aber, so Weiners stets wiederkehrendes Urteil, in den allermeisten Fällen erfolglos – auch wenn der Schaden, den der aktionistische Nachrichtendienst bisweilen anrichtete, beträchtlich war.
Für die strukturelle Schwäche der CIA macht der Autor im Wesentlichen die krude Erwartungshaltung seitens der offiziellen Politik gegenüber geheimdienstlichen Aktivitäten sowie die zumeist ambivalente Beziehung zwischen der CIA und dem US-Präsidenten verantwortlich. Die Präsidenten hätten, wie Weiner einen stellvertretenden CIA-Direktor zitiert, stets zweierlei Erwartung an die CIA gehabt: entweder dass Auslandsaufklärung jedes Problem lösen müsse oder dass sie überhaupt nichts ausrichten könne. Die CIA habe sich deswegen dahingehend entwickelt, dass ihre Analysten die politisch aktuellen Denkschablonen übernommen hätten, weil es gefährlich gewesen sei, dem Präsidenten zu sagen, was er nicht habe hören wollen.
Die Politik und die CIA behinderten sich gegenseitig, sowohl während des Kalten Krieges wie auch nach dessen abruptem Ende. Präsident Kennedy verhängte im Vorfeld der Kubakrise ein Verbot für Aufklärungsflüge über der Schweinebucht, worauf der CIA die Stationierung russischer Interkontinentalraketen entging; für die daraufhin eskalierende Lage wurde sie vom Präsidenten heftig gerügt. Die tatkräftige Mithilfe der CIA beim Pinochet-Putsch in Chile fiel auf den Geheimdienst ebenso zurück wie auf den damaligen Außenminister Kissinger, gegen den zurzeit verschiedene Gerichte ermitteln: Auch in diesem Fall sei die CIA nicht in der Lage gewesen, die Maschinerie der verdeckten Aktion nach Belieben an- und auszuschalten, zitiert Weiner den Leiter der CIA-Spezialeinheit in Chile, Dave Philips.
Für die erste Dekade nach 1989 sieht Weiner das Manko der CIA darin, dass sie sich den "neuen Gefahren" kaum anzupassen vermochte. Das Verteidigungsdispositiv der USA und mit ihm die Aufgaben der CIA seien bis zu 9/11 darauf eingestellt gewesen, gegen Armeen und Nationen zu kämpfen, gegen Gegner also, die schwer zu liquidieren, aber leicht zu finden sind. Der neue Feind – gemeint ist Osama Bin Laden – sei hingegen leicht zu liquidieren, aber schwer zu finden. Dass ihm die CIA schon weit vor 2001 auf den Fersen gewesen war, jedoch davor zurückschreckte, in entscheidenden Momenten zuzupacken – in erster Linie, weil die Weisungen aus Washington unklar definiert waren – setzt für Weiner die Reihe der CIA-Versagen nahtlos fort. Die CIA, so resümiert er, sei noch immer nicht zu dem geworden, was sich ihre Gründer vor über sechzig Jahren von ihr erträumt hätten.
Anders als Weiner behandelt der deutsche Journalist Egmont R. Koch nur einen Ausschnitt aus der Geschichte der CIA. Koch untersucht die Folterpraxis der CIA und will im aktuellen Agieren ihrer Spezialeinheiten Zusammenhänge zur NS-Zeit entdeckt haben. Ausgangspunkt seines Buches bildet die Gleichsetzung der Foltermethoden des CIA und der Nazis. Darüber hinaus stellt Koch fest, die CIA habe ihre diesbezüglichen Techniken nicht nur von der SS abgeschaut, sondern sie zudem beträchtlich verfeinert. Kochs Begrifflichkeit lässt an plakativem Antiamerikanismus nichts zu wünschen übrig: Da ist die Rede von "Ostküstenintellektuellen", die, wo sie sich doch angeblich der Aufklärung und Liberalität verpflichtet sähen, dennoch nicht gegen die gelockerte Folterdefinition protestiert hätten, oder vom "Angriff vom 11. September", der "allen so ungeheuerlich schien" – und es eigentlich gar nicht war, wie Koch, wenn auch unausdrücklich, suggeriert.
Nicht, dass Koch die Geschichte der CIA-Folter erzählt, ist das eigentliche Problem dieses Buches, sondern der Fokus, den er dazu wählt: Die Geschichte der CIA ist die Geschichte ihrer Foltermethoden ist die Geschichte der Foltermethoden der SS ist die Geschichte der amerikanischen Doppelmoral im Kampf gegen den Terrorismus ist die Geschichte der Verlogenheit der amerikanischen Demokratie. Koch schreibt damit nicht nur über einen dunklen Punkt der CIA, sondern mindestens ebenso sehr über Deutschland. Denn ähnlich wie jüngste deutsche Beiträge zum amerikanischen "Bombenkrieg" gegen deutsche Städte versucht auch Kochs Folterbuch eine amerikanische "Schuld" gegen eine deutsche aufzuwiegen. Das ist deutsche Apologetik, denn es wird dabei übersehen, dass Abu Ghraib nicht Dachau ist.

Fritz Trümpi in FALTER 11/2008



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