Adolf H.. Zwei Leben

Eric-Emmanuel Schmitt, Klaus Laabs


Heil Hilter!

Hitler in mir? Nein danke! Ich bin zu allem Möglichen fähig, aber bestimmt nicht dazu, die Ermordung eines Volks zu befehlen. Zum Mitläufer würde ich mich noch eignen, vielleicht sogar zum Schreibtischtäter. Natürlich hoffe ich, wie jedermann, im Ernstfall nicht feig zu sein. Feigheit, das ist die Schwäche der meisten. Feigheit in uns. Aber Talent zum Hitler?
Den längst nicht mehr provokanten, eher zum Mainstream der Feuilletonschreiberei gehörenden Gedanken, jeder hätte Hitler werden können, hat Eric-Emmanuel Schmitt zu einem doppelsträngigen Roman ausgewalzt, in dem die Geschichte an einem bestimmten Tag zu Beginn des 20. Jahrhunderts – es wird wohl 1908 gewesen sein – einen anderen Adolf Hitler ausspuckt als den berüchtigten Massenmörder. Einen normalen Hitler. Besser gesagt, einen normal gewordenen. Einen geheilten. Schmitt verfolgt beide Stränge, den historischen und den leider nicht Wirklichkeit gewordenen Strang seiner Fantasie. Wer aber hat Hitler geheilt? Ein Jude namens Sigmund Freud. Ihm hat in der hypothetischen besseren Welt sein Volk die Rettung zu verdanken, denn ohne historischen Hitler, suggeriert Schmitt, hätte es keine Judenvernichtung gegeben. Und wie hat der gute Doktor das gemacht? Wie es im Buche steht, so hat er es gemacht. Er hat Hitler nach Papa und Mama ausgefragt und ihn reden lassen und ihm seine Traumlosigkeit gedeutet. Danke, Mama! Danke, Freud!
Dass Schmitt sich derlei Gespinsten überlässt – gut. Interessant. Effektvoll. Der geeichte Theaterautor hat viele Einfälle und Gedanken, die gar nicht so schlecht, aber bieder illustriert sind. Der Roman wirkt wie auf dem Reißbrett entworfen, die Figuren sind karikaturenhaft, die Konstellationen hübsch ausgedacht, die Bahnen vorhersehbar – in beiden Handlungssträngen, denn beide werden von einer einfach gestrickten Psychologie dirigiert: Schuld an Hitlers Untaten ist erstens sein Größenwahn, zweitens seine Keuschheit, drittens sein Faible für Richard Wagner. Diese drei Themen ziehen sich durch die 500 Seiten des Buchs, nur dass es auf der einen Seite Lösungen gibt, auf der anderen aber Sturheit und deren Folge: Gewalt.

Hitlers Größenwahn: no na. Keuschheit: mag sein. Und Wagner: das passende Dekor. Totale Wegsublimierung der Libido ins Soziale und Nationale ergibt ein totales Desaster. Freud schon wieder. Die Schmitt'sche Schlussfolgerung: Lasst euch therapieren, werdet normal, werdet bescheiden, liebt den Nächsten, peilt den Doppelorgasmus an, dann kann nichts Schlimmes passieren. Doppelorgasmus als Ziel altruistischer Erotik: eine der Schmitt'schen Ideen. Justament auf Seite 471 ist es so weit, während der historische Hitler sich als frischvermählte Jungfrau – Wagner heißt der Trauzeuge – die Kugel gibt. Potenzielle Ungeheuer und brave Bürger in der Wirklichkeit, beruhigen wir uns, indem wir uns lesend die Normalisierung Hitlers zu Gemüte führen. Die naheliegende Möglichkeit, dass nämlich der geheilte Hitler einmal dem Heil-Hitler begegnet – und sei es auch nur als Radiostimme, lässt Schmitt aus. Schade, darauf hätte man irgendwie gewartet. Nur Goebbels kommt vor, als Randfigur.
Natürlich lebt auch der geheilte Hitler in Österreich, Deutschland, Europa. Nur ist dort halt alles ein bisschen anders, als wir es aus der Geschichte kennen. Amerika, stellt sich Schmitt vor, wäre ohne die Zuwanderung ausländischer Gehirne in der Nazizeit ein gemütliches provinzielles Land, kein technologischer Vorreiter, kein Weltpolizist. Und Mussolini, Franco, Stalin? Hatte nicht fast jedes europäische Land seinen kleinen oder großen Diktator? Gab es nicht sogar in den USA in einigen Bundesstaaten Rassengesetze? Stellt man sich diese Fragen, wird man doch wieder unruhig in Betrachtung des Zeitalters der Extreme.

Leopold Federmair in FALTER 11/2008



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