Hilfe!. Ein Versuch zur Güte

Franz Schuh, Adolf Holl, Thomas Macho


Neuerlicher Angriff eines Autors auf sich selbst

Franz Schuh hat einen abgrundtief komischen Roman geschrieben

An journalistischen Kriterien gemessen, bin ich der absolut falsche Autor für ein Schuh-Porträt. Wir sind seit mehr als dreißig Jahren befreundet, dass wir uns trotzdem so gut wie nie sehen, gilt nicht als Milderungsgrund. Wir lassen einander stattdessen in unseren Büchern vorkommen. Was mich weiter disqualifiziert: Ich bin ein Fan und Bewunderer dieses Autors. Ich war dabei, als Schuh im Juni 1980 seinen ersten Beitrag in die Falter-Redaktion brachte, und habe ihm zu manchem Falter-Interview das Tonband hingetragen, zum alten Otto Schulmeister, dem legendären Herausgeber der Presse, ebenso wie zum Soziologen Niklas Luhmann.
Oder zum Profil-Aufdecker Gerhard Mayer, der sich mit der Redaktion und dem Herausgeber Lingens überworfen hatte und nun, im Mai 1984, ein Aufdeckungsbuch über das Profil herausbrachte. Schuh leitete das konfliktträchtige Gespräch behutsam so ein: "Allein schon, dass Anschuldigungen ihrer Art erhoben werden, eröffnet den Blick auf eine moralische und intellektuelle Misere, bei der ein jeder das Brandmal des Gegners trägt."

Wem es eitel erscheint, so oft "ich" zu sagen, dem sei gleich ein Zitat aus Franz Schuhs soeben erschienenem Roman "Sämtliche Leidenschaften" (ab jetzt: Roman) entgegengehalten: "In so einer Gesellschaft, die du nur kraft deiner Selbstliebe überlebst, ist die Propaganda gegen die Eitelkeit ein Teil des Vernichtungsfeldzuges, dem du von Geburt an ausgeliefert bist." Eitelkeit ist jene Produktivkraft, die dem Individuum hilft, sich nicht "den Segnungen der organisierten Erkenntnis oder den Segnungen der anerkannten Künste" zu fügen, sagt Schuh. Hier haben sie einen, auf den können die Anerkannten und die Etablierten nicht bauen.
Wer also ist Franz Schuh? 1947 als Sohn eines kommunistischen Polizisten in Wien geboren, in proletarischen Verhältnissen als Einzelkind aufgewachsen. Einsamkeit regte ihn früh zum Denken an. Studierter Philosoph, Dissertation über Hegel, Satiriker, Essayist. Und wie alle großen Journalismuskritiker auch Journalist. Schuh wäre der Letzte, der nicht an sich selbst das "Brandmal des Gegners" erkennen würde. Das macht ihn als Polemiker behutsam und könnte andere, wären diese lernfähig, Behutsamkeit lehren.
Seine Arbeit bei Publikumsmagazinen begann beim Extrablatt. Dieses von Harald Irnberger 1977 gegründete Magazin, eine Art Anti-Profil, versammelte eine sehr ansehnliche Mitarbeiterschar – neben Schuh auch Elfriede Jelinek, Manfred Deix, ­Peter Pilz, Georg Hoffman-Ostenhof, Erich Hackl, Christoph Ransmayr – und scheiterte nach fünf Jahren dann doch.
Mit dem Profil wurde es bei Schuh naturgemäß nichts, obwohl seine Essays immer wieder auch dort erschienen. In den 1980er-Jahren arbeitete er lange beim Falter mit. Später wurde er regelmäßiger Kolumnist bei der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit und neuerdings beim Monats­magazin Datum.
Seine mit Recht vielbewunderte monatliche Kolumne im deutschen Großfeuilleton der Zeit handelt natürlich nicht von bedeutenden Neuerscheinungen und geistigen Marktmächten, sondern von den Geringsten unter den Bücherbrüdern, von Taschenbüchern. Das gibt Schuh die Gelegenheit zu zeigen, dass gerade im scheinbar Unbeachtlichen oft das wohnt, das es wirklich zu beachten lohnt.

Im Fernsehen hat er in Shows wie Tohuwabohu des 2003 verstorbenen Kottan-Autors Helmut Zenker begeistert mitgewirkt (die Darstellerliste nennt ihn zwischen Karl Schranz, Christine Schuberth und Arnold Schwarzenegger). Liest man Zenkers Erklärung zur Show, versteht man, warum Schuh mittat: "Erstens ist das Fernsehen immer fad, und zweitens existiert in Tohuwabohu immer alles nebeneinander – von der politischen Anspielung bis zum Lederhosenwitz."
Das war und ist eine egalitäre ästhetische Auffassung, die auch Schuh gefällt. Mitten in seinem sogenannten Hauptwerk "Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche" – er selbst behauptet, es bestehe aus lauter Nebensachen – platzierte er einen lyrischen Lederhosenwitz, die "Elegie vom Großvater": "Huat am Schädl / Kletzenschnaps im Hirn / Koan Oasch / Aber a Riesenlederhosen / Da Opa!" Bis heute spielt Schuh gern in Filmen, manchmal sogar die Hauptrolle ("Herr Schuh und der Tod"). Im Roman übernimmt die junge Filmemacherin Lili Fichte, eine "Frau mit der Kamera", die Hauptrolle als Dialogpartnerin des Franz Schuh.
1969 gründeten Helmut Zenker und ­Peter Henisch die Literaturzeitschrift Wespennest als Opposition gegen bestehende, behäbige Literaturorgane; Schuh wurde wenig später dort Redakteur; er wird dort noch immer als ständiger Mitarbeiter geführt. Literarisch knüpfte Schuh an Karl Kraus und Elias Canetti und an die Tradition der Wiener Avantgarde an, von Konrad Bayer bis Reinhard Priessnitz. Aber er grenzte sich ab vom Autoritarismus und Sadismus gewisser Wiener Intellektueller, die sich nur spürten, wenn sie andere verletzten.
Diese Abgrenzung nahm er vor – auch das ist Teil seiner Kunst –, ohne die Tradition zu verraten, in der diese vom Mainstream total ausgegrenzten Leute standen. Noch immer ist er den literarischen Protagonisten dieser Epoche verpflichtet. Zu seiner fortgesetzten Kritik des Literaturbetriebs legitimiert ihn, dass er selbst von 1976 bis 1980 als Sekretär der von Ernst Jandl mitbegründeten Grazer Autorenversammlung tätig war.
Als Herausgeber verantwortete Schuh einmal auch eine Edition Falter, vom Falter konzipiert und im damals zum Bundesverlag gehörenden Deuticke Verlag erschienen; die Zusammenarbeit ging nicht gut, Schuh schied "wegen grundlegender Meinungsverschiedenheiten über verlagspolitische Entscheidungen" 1996 aus, die Edition wurde eingestellt. Davor und danach gab Schuh zahlreiche Bücher heraus, erst heuer edierte er Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" bei Jung & Jung.
Schuh gestaltet Theaterabende, zum Beispiel mit Erwin Steinhauer, und ist bisweilen selbst als Schauspieler aufgetreten; ein Versuch mit Nestroy am Volkstheater scheiterte leider während der Proben. An der Hochschule für angewandte Kunst erfüllt Schuh einen Lehrauftrag; der Künstler Bernhard Leitner holte ihn in seine Klasse. Heute doziert Schuh dort am Institut TransArts über ästhetische Fragen und Sprachkunst.
Den Kulturbetrieb versorgt Schuh bis heute mit Kritik, aber auch mit Ideen und Konzepten: Er organisierte gemeinsam mit dem Kulturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk lange Jahre die Sommerschule der Waldviertel-Akademie. Die Programme waren ambitioniert und brachten Leute wie Christina von Braun, Peter Sloterdijk, Thomas Macho, Norbert Bolz, kurz: die intellektuelle Avantgarde der damaligen Zeit, ins Waldviertel.
Seit sieben Jahren wirkt Schuh nun als künstlerischer Berater der Salzkammergut-Festspiele Gmunden und kuratiert Schwerpunkte zu Peter Handke, Christoph Ransmayer, Josef Winkler, Robert Menasse oder wie heuer zum Ersten Weltkrieg. Natürlich durften es nicht die Wiener Festwochen sein oder die Salzburger Festspiele. Schuh präferiert Angebote "für Menschen, die das Experimentelle lieber haben, also die den Versuch lieber haben als die prächtigen Schaubuden von Wien und Salzburg", wie er einer oberösterreichischen Schülerin im Interview erklärte.

Ja, der Versuch! Das Leben als Versuch (frz. Essay), die Kunst als Versuch. Ein ­Essa­yist muss die kleine Form der großen Erzählung, das Vorläufige dem Abgeschlossenen vorziehen. Einst hatte ich Schuh vorgeworfen, sich dem Erfolg zu entziehen, seine Rettung im Entlegenen zu suchen. Er ist in der Tat Entziehungskünstler, wie alle Suchtmenschen.
Eine seine Süchte ist die Weltsucht, er kann nicht genug von der Vielschichtigkeit der Welt kriegen, Schicht um Schicht legt er bloß, in sich und um sich, eine Überdosis Überbau zieht er sich rein, von den Simp­sons zu Johann Gottlieb Fichte, von Peter Alexander zu Lacan, vom Werbespot bis zur Superillu. Danach geht er wieder auf Kur. Schuh ist leidenschaftlicher Gast in einer katholisch geführten Kuranstalt in Schärding am Inn.
Dort trifft er einen Pfleger, der ihn (im Roman) fragt: "Wie kann nur ein Mensch, der so eitel ist wie Sie, so fett werden?" Schuh antwortet: "Einfach deshalb, weil einer in mir eitel ist und der andere sich gehen lässt, also ganz uneitel seiner Wahrheit entgegenstrebt, und wäre sie noch so entstellend. Wir gehen den Weg nicht gemeinsam, wir stürzen auch an verschiedenen Stellen ab. Ein Leben allein genügt nicht, und deshalb handelt man sich die innere Zerrissenheit ein." Deswegen existiert zum Beispiel der junge, schöne Schuh im weniger ansehnlichen alten. Nichts von dem, was wir waren, verschwindet, oder wie der englische Dichter Philip Larkin sagt: "What will survive of us is love."
Mein Vorwurf war also berechtigt und unberechtigt zugleich. Er war berechtigt als Vorwurf an Österreich. Schuh, der originelle Denker, müsste natürlich Vorstand des philosophischen Instituts einer Universität sein. Schuh, der brillante Canetti- und Kraus-Kenner müsste Stargermanisten verblassen lassen. Schuh, der Redner, müsste ein Kristallisationspunkt der Nation sein, Schuh, der Journalist, Chef des bedeutendsten Zeitungsfeuilletons, wenn es so etwas gäbe. Was macht er als Lehrbeauftragter an der Uni, als freier Mitarbeiter und Lieferant von ebenso leuchtenden wie unbezahlten Gratiszitaten für Rundfunk, Fernsehen und allerlei Medienaufträgen? Warum muss so einer um sein tägliches Auskommen ringen, "ein von der Steuer ausgewrungener Jammerlappen, eine desolate Mittelstands­marionette" (Roman)?

Schuh wollte nie einen Posten, er wollte immer einer Redaktion angehören. Aber seine Gescheitheit stellte jedes Kollektiv vor unlösbare Probleme. Was soll er tun, er kann sich ja nicht dümmer machen, als er ist? "Das phantasierte Exil" heißt eines seiner Bücher aus einer Zeit, als unter Intellektuellen viel vom Auswandern die Rede war. Schuh fantasiert sich seine Zugehörigkeit. Aber am besten schreibt er – um seinen geliebten Nietzsche zu paraphrasieren – doch allein, auf Kur oder in seiner gern beschriebenen 40-Quadratmeter-Klause in der innerstädtischen Gonzagagasse. Man ahnt, dass weder das Café Hegelhof, das Aera noch die Salons von Menschen, die ihn lieben, die monströse Einsamkeit des Autors mildern.
Am nächsten ist Schuh einem Kollektiv beim Radio gekommen, im Sender Ö1. Er ist ein Stimmenmensch, ein Hörer und Sprecher. Joachim Angerer, der Altabt von Geras, nannte Schuhs Tonfall in einem Porträtgespräch in Kirche Intern "keineswegs monoton, wenngleich ohne große Tonerhebungen und Tonsenkungen, eine recht meditative Vortragsweise, der eines Predigers oder Exerzitienmeisters nicht unähnlich."
Franz Schuh, fügt Angerer hinzu, habe gerne in diesen Vergleich eingewilligt und gesagt: "Ich bin ein klassischer Prediger." Seine Rede sei aber nur an Gedanken interessiert. Sie unterläuft die Philosophie mit literarischen Mitteln, wie sie natürlich umgekehrt die Literatur mit philosophischen Mitteln aufblattelt, was sich spannend und unterhaltsam anhört und liest.
In Schuhs neuem Buch steht der ziemlich abgrundtiefe Satz: "Vernichtet zu sein ist mir vertraut." Es geht um das eigene Nichtsein, das man nicht denken könne. "Aber Denken ist nicht alles: ich zum Beispiel (sagte ich unter der Sonne) habe den Sinn für die Negation körperlich und geistig eingebaut."
Welcher Franz Schuh spricht hier, und wer ist Franz Schuh? Das wissen Sie nach der Lektüre dieses Porträts nicht. Aber Sie ahnen vielleicht, wie schwer es ist, jemanden zu beschreiben, der das Selbstporträt zur Kunst erhoben hat. Das verwirrt auch seine Porträtisten. Manchen erschien sein Körperbau "klein und dick", anderen wieder "mächtig". Der Selbstporträtist greift sich dauernd selber an (im Roman macht er sich sogar zum Affen) und zeigt sich dadurch verletzbar und zugleich unangreifbar. Sich selber angreifen, das hat ja einen Doppelsinn. Das Erotische daran ist die Sprache, der erfolgreiche Angriff führt zum Tod. "Liebe, Tod und Heiterkeit", wie der Titel eines seiner Bücher lautet, sind Schuhs Themen.

Sein neuer Roman ist ein weiteres Kapitel des großen Schuh'schen autobiografischen Fortsetzungswerks, das seit 1976 erscheint und nun in der zehnten Buchfolge vorliegt. Eine Ein-Mann-Comédie-humaine unserer Zeit, eine Negative Dialektik mit Schmäh. Brüllend komisch, abgrundtief gescheit und durch und durch menschenfreundlich: "Gott erhalte mir eines, dass ich doch weiter Freude am Gelungenen habe, mehr Freude als Trauer darüber, dass mir nichts gelingt."
So liebevoll kann nur schreiben, wer einem sanften Gesetz folgt, das da lautet: mit mir nicht. Der bei aller Geschäftigkeit sich einen Punkt außerhalb aller kompromittierenden Geschäfte gerettet hat und dadurch die nötige moralische Integrität für seine Unternehmung erhält.
Deren Umfang erkennt man erst, wenn man merkt, wie sich die Nebensachen der Jahrzehnte zu einer Hauptsache zusammenfügen und am Ende doch zu einem Werk. Insofern war mein Vorwurf der Erfolgsvermeidung vollkommen unberechtigt. Franz Schuh, falls das bisher nicht klar wurde, ist unser bester Schriftsteller.


Schuhs ewige Autobiografie: Liebe, Tod und Heiterkeit in neun Variationen

Der Krückenkaktus:
Auch in diesem Buch geht es um die Frage der Güte und der Hilfe; der Krückenkaktus ist eine Art Krücken-ständer, den Schuh im AKH sah – ein Bild der Hilfe und stachliger Widerborstigkeit zugleich.

Memoiren. Ein Interview gegen mich selbst:
"Dieses Buch verdankt seine Existenz dem Umstand, dass ich gefragt bin. Naja, hin und wieder werde ich halt gefragt." Schuh revidiert Gespräche mit ihm, spricht aber auch in Essays allein.

Hilfe! Ein Versuch zur Güte:
Ein unvermutetes und umso schöneres Buch Franz Schuhs über Notwendigkeit und Ambivalenzen des Helfens; eine Verteidigung des Sozialstaats und Begründung individueller Hilfsbedürftigkeit, untranig und witzig.

Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche:
"Schuhs Aphorismen können sich mit den besten von Elias Canetti messen", schrieb der Kritiker Ulrich Weinzierl über diesen Band mit Essays, Kurzprosa und zahlreichen Gedichten.

Schreibkräfte. Über Literatur, Glück und Unglück:
Schuh "ist Polemiker und Unschuldslamm. Er ist noch in seiner Selbstironie kokett. Er ist einer, der eigentliches Reden für unmöglich hält und der doch dauernd redet..." (Daniela Strigl)

Der Stadtrat:
"Ein geniales Buch. Es weht durch das Ganze (…) der Hauch einer untergegangenen Welt. Das Buch ist etwas, das man nicht für möglich gehalten hätte: Die Fortsetzung des ,Mann ohne Eigenschaften'." (Robert Menasse)

Das phantasierte Exil:
Aus dem Buch: "Unterschwellig handelt dieses Buch von einem Phänomen, das mir aber schon sehr auffällt, nämlich davon, dass die Zeit vergeht." – "Mein Leben lang hat Vater mir verhasste Kappen gekauft." (Franz Schuh)

Liebe, Macht und Heiterkeit:
Autobiografische Texte (Alma Mater
Rudolfina) und Essays zur Literatur. Schuh über die "Letzten Tage der Menschheit": "Während Phrasen verkörpert werden, werden Körper versehrt."

Das Widersetzliche der Literatur:
Aus dem Buch: "Am Typus der ,anerkannten Größe' lässt sich demonstrieren, dass (…) die Etablierung im Betrieb nichts anderes ist als eine Variante des Scheiterns." (Franz Schuh, "Wie ich in Österreich geistig produziere")

Armin Thurnher in FALTER 34/2014



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