Eastmodern. Architecture and Design of the 1960s and 1970s in Slovakia

Hertha Hurnaus, Benjamin Konrad, Maik Novotny


Robuster Optimismus

Spät, aber doch. Vor 14 Tagen wurde der Architekturdozent Ján Bahna, 64 Jahre alt, zum Professor ernannt. In seinem Habilitationsverfahren an der Akademie der bildenden Künste in Bratislava, wo er seit Jahren unterrichtet, spielte die österreichische Architekturfotografin Hertha Hurnaus unabsichtlich eine wichtige Rolle. Unter den Publikationen, die der Dozent als Beleg für die Bedeutung seiner Arbeit als Architekt vorlegte, befand sich auch ihr Buch "Eastmodern. Architecture and Design of the 1960s und 1970s in Slovakia". Bahnas Tüchtigkeitsbeleg: Auf zehn Fotos wird der "Salon für Staatsgäste" auf dem Flughafen Bratislava dokumentiert, der bereits zu seiner Entstehungszeit 1973 eine vortreffliche Kulisse für einen James-Bond-Film abgegeben hätte und mittlerweile als eine Ikone der slowakischen Architektur der Nachkriegszeit gilt – vergleichbar etwa mit Hans Holleins Retti-Geschäft am Wiener Kohlmarkt –, ist das gemeinsame Werk des jungen Akademieabsolventen Bahna und seines Lehrers Vojtech Vilan.
Im sogenannten Osten war und ist noch immer manches spät dran. Die Bauzeit des Staatssalons fällt zwar in die Ära der "Normalisierung", jener harten und reaktionären Politik nach der Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968. Der Zeitgeist aber, den die Architektur des Salons verkörpert, ist unverkennbar jener der 1960er-Jahre – einer Zeit des vehementen Aufbruchs und des robusten Optimismus. Fast alle Bauten, die Hertha Hurnaus für ihr Buch fotografierte, gehören zu dieser Sorte: Erdacht im Geist der Sixties, oft auch bereits damals entworfen, wurden sie erst später, oft viel später, verwirklicht.
In "Eastmodern" zeigen Hertha Hurnaus und ihre Mitautoren, dass die Neue Donaubrücke (früher die Brücke des Slowakischen Nationalaufstandes), der weit sichtbare schlank-pyramidale Fernsehturm Kamzik (deutsch Gams, 1965–1974) oder die merkwürdige Donauuferdominante der Nationalgalerie in Bratislava keine Ausnahmen, sondern Teil einer an bemerkenswerten Bauten reichen Bewegung sind. Das Fotobuch ist eine Art Entdeckungsbericht. Die Texte sind knapp gehalten, meist sind es Interviews mit den noch lebenden Architekten – informative, manchmal witzige Aussagen. Oft spürt man die unverhüllte Freude, endlich wieder Anerkennung zu erfahren, oft die Sorge, wie es mit den Bauwerken weitergehen wird.
Der slowakische Kapitalismus ist noch immer jung und gefräßig, der Bauboom rasant, die Qualität fragwürdig: Developer-Stil, wie im Westen, kein Vergleich mit der Einzigartigkeit der slowakischen Architektur aus der Zeit vor dem Umsturz 1989. Doch die Bauten des Kommunismus haben allesamt einen schlechten Ruf, als hafte ihnen etwas Anrüchiges an, und es gilt noch immer als neokapitalistische Heldentat, diese Bauten billig zu erwerben, verfallen zu lassen und zur Demolierung zu bestimmen.
Was nach 1989 allgemeiner Konsens war, gilt allerdings längst nicht mehr so apodiktisch. Besonders junge Architekten entdecken die Qualität dieser Bauten und beginnen sich gegen die Demolierungspläne zu stellen, fördern einen rücksichtsvolleren Umgang mit diesen Bauwerken, vor allem mit den bemerkenswert fantasiereichen Details der Räume und Inneneinrichtungen – denen auch Hertha Hurnaus in ihren kongenialen Aufnahmen viel Aufmerksamkeit widmet.
Die Gefahr ist groß, dass das Fotobuch "Eastmodern" bald ein Nostalgiebuch sein wird. Auf einer der Aufnahmen mit der Neuen Donaubrücke sieht man das Rohbauskelett eines Bürohauses. Es entsteht unmittelbar neben dem berühmten Brückenpfeiler. Auf dem Foto wird diese neue, mit der Brücke penetrant konkurrierende Donaudominante bis auf einen schmalen Streifen weggeschnitten. Mittlerweile ist der Neubau fertig: architektonisch eine entsetzliche Banalität im Developer-Baustil, urbanistisch eine Katastrophe.
Der Staatssalon der Professoren Vilan und Bahna soll demnächst der Flughafenerweiterung weichen. Die Nationalgalerie mit ihrem treppenartig nach oben wachsenden Terrassenbaukörper, 1967 bis 1979 von Vladimir Dedecek erbaut, ist dauernd in eine Reklameplane eingepackt. Sichtbar ist das slowakische Bauwunder momentan nur in den Fotos von Hertha Hernaus. An diesem Bau merkt man besonders deutlich, wie viel Zuneigung in den durch kühne Präzision beeindruckenden Aufnahmen steckt. Das Hotel Kyjev mit dem angeschlossenen Kaufhaus Prior, die Dominante in einem nach dem Vorbild von Rotterdam angelegten neuen Stadtzentrum von Bratislava, wird demnächst demoliert und durch eine Mall ersetzt. Nach dem Vorbild von Kagran.

Vor einer Woche fand in der Kongresshalle des Hotels Kyjev die erste slowakische "Pecha Kucha" statt. Pecha Kucha ist eine weltweit verbreitete Speedmode aus Japan: In einer rasanten Abfolge – zwanzig Bilder in 6,4 Minuten – präsentieren dabei rund zwanzig Architekten, Designer, Künstler, Grafiker ihre Arbeiten. Der Architekt des im Buch ausführlich dokumentierten Hotelkomplexes (1961–1973), Ivan Matusik, war anwesend und wurde mit starkem Applaus begrüßt. Aus Österreich hatten die slowakischen Veranstalter Hertha Hurnaus eingeladen. Obwohl sie Bilder von Obdachlosen-Plastikhütten in Tokio zeigte und keine der slowakischen Bauten, wurde sie gefeiert.
Spät, aber doch: Die jungen slowakischen Intellektuellen wissen zu schätzen, was das Buch "Eastmodern" bedeutet: eine längst fällige Anerkennung der bis dahin kaum beachteten slowakischen Architekturrevolution. In Österreich gilt Hertha Hurnaus als renommierte Architekturfotografin. In Bratislava wird sie dazu noch verehrt. Um nicht zu sagen geliebt. Developer wohl ausgenommen.

Jan Tabor in FALTER 11/2008



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