Nacht des Orakels

Paul Auster, Werner Schmitz


Verwinkelte Plots, verwirrte Schriftsteller und verschwimmende Identitäten in den Straßen von New York: Paul Auster schließt in "Nacht des Orakels" wieder an seine frühen Romane wie "Die New York-Trilogie" an. Sicher, irgendwie ähneln sich mit ihren seltsamen Geschehnissen und erzählerischen Fallstricken alle Texte des überzeugten Bewohners Brooklyns. Doch entfernt dieser sich mit seinem jüngsten Buch angenehm von jener Feier des Zufälligen als Quell der Poesie, die von "Mr. Vertigo" an immer häufiger für gepflegtes Gähnen sorgte. Was in "Nacht des Orakels" passiert, ist mysteriös und entzieht sich konventionellen Erklärungsversuchen. Auster erzählt von dem 35-jährigen Schriftsteller Sidney Orr, der eine lang andauernde Schreibblockade just dann überwindet, als er bei einem undurchsichtigen chinesischen Papierhändler ein blaues Notizbuch aus Portugal erwirbt. Plötzlich fließt die Feder so ungebremst, fast als würde eine fremde Hand sie führen. Als Orr bemerkt, dass die wie in Trance niedergeschriebenen Storys auffällige Ähnlichkeiten mit Vorfällen in seiner Umgebung aufweisen, ist er auch schon tief in ein faszinierendes Labyrinth aus Realitäten und Fiktionen verstrickt. "Nacht des Orakels" zeigt Auster wieder experimentierfreudiger, riskanter, schlicht besser als zuletzt und rehabilitiert nebenbei die gute alte Postmoderne, die in dieser Qualität dem eh auch nicht mehr so neuen, ach so leichten Erzählen klar den Auspuff zeigt.

(...)

Sebastian Fasthuber in FALTER 14/2004



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