Paranoia

Mark Costello, Hans M. Herzog


Mühen und Magie des Alltags: Friedrich Achleitner kämpft mit Leberkässchwaden, Nicholson Baker mit schmutzigem Geschirr.

Das jüngste Buch von Friedrich Achleitner hat einen guten Titel ("Wiener Linien"), ein unüblich großes Format und den schönsten Umschlag dieses Frühjahrs: Es zeigt eine Baulücke (wohl die auf Seite 38 ff. des Buches beschriebene in der Otto-Bauer-Gasse 22) und den nach dem Abriss des Hauses sichtbar gewordenen großen Essigbaum ("wie auf einem bild von caspar david friedrich"). Und auf der Rückseite des Covers kann man lesen, was ein gewisser Rolf-Bernhard Essig in der Süddeutschen über den Autor geschrieben hat.

"Wiener Linien" ist ein schmales Buch mit 75 Kurz- und Kürzesttexten, die sich auf den (öffentlichen) Raum konzentrieren, welchen der Autor zwischen Privatwohnung und Büro, den Bezirken Innere Stadt und Mariahilf, den U3-Stationen Stubentor und Zieglergasse benutzt. An sich eine harmlose und banale Alltagsverrichtung, die aber - wie Achleitner zeigt - ihre Tücken und Gefahren kennt. Schon das Gähnen, zu dem ein "gemeiner ungeputzter morgenmund" nicht nur singularisch sich öffnet, erweckt im Beobachter-Ich den Wunsch nach einer Zahnarztexistenz und einem Bohrer.

Es gibt unter den Stadtschlaglichtern Texte, die sich ganz dem tollen Treiben der Dingwelt widmen (etwa der Zirkulation von Augustin-Seiten im Luftstrom der Rolltreppenschächte), aber der große thematische Bogen ist doch dem Kampfplatz öffentlicher Raum gewidmet, in dem unser Held buchstäblich bedrängt und mit allerlei Unbill - sei's akustischer, sei's semantischer, sei's olfaktorischer Art - konfrontiert wird. Rucksackattacken oder Handygebrabbel in U- und Eisenbahn setzen dem Passagier ebenso zu wie der Krieg zwischen Pizza- und Leberkässchwaden. Das alles wird mit viel Witz und Ironie geschildert, der die einzelnen Texte aber nicht ausnahmslos gegen eine leichte kulturkritische Betulichkeit immunisiert. Das wird allerdings durch die feine Boshaftigkeit des genauen Blicks wettgemacht, mit der der Autor unter anderem einen "mir irgendwie bekannten schnösel marke kunstmanagement" fixiert, um ihn - auf der gegenüberliegenden U-Bahn-Plattform stehend - lieber nicht zu grüßen.

Die Boshaftigkeit gleitet allerdings dort ins Obsessive ab, wo der Erzähler mit den "raumverdrängern" ins Gericht geht; jenen "cholesterinbomben" von "beklemmungsverbreitendem übergewicht", von "hundertfünfzig kilogramm lebendgewicht" oder gleich "zweimal hundertfünfzig kilo lebendgewicht", denen er auffallend oft begegnet. Eine solch ostentative Abneigung gegen Fettleibigkeit schlägt dann auch auf die Sprache: "starkes bockbier" ist ein Pleonasmus, und die "fleischleiberl" sind eben keine T-Shirts aus Fleisch, sondern entweder "Fleischlaibchen" oder gleich "Fleischlaberl".

Einundreißig geometrisch angeordnete Zündhölzer auf schwarzem Grund zieren das hübsche Cover von Nicholson Bakers jüngstem Buch. Es ist als "Roman" ausgewiesen und hat ein rotes Lesebändchen. Ersteres kann man gerne wieder vergessen, Zweiteres ist durchaus hilfreich: "Eine Schachtel Streichhölzer" ist das richtige Buch, um den Tag mit etwas Lektüre zu beginnen. Der Protagonist, ein 44-jähriger Lektor von medizinischen Fachbüchern, würde davor allerdings eher abraten: Er empfiehlt, den Tag zunächst einmal mit Verrichtungen zu beginnen, die in natürlicher Finsternis stattfinden sollen: "Das Hübsche daran, die Brille im Dunkeln aufzusetzen, ist, dass man weiß, man könnte besser sehen, wenn es hell wäre, aber da es dunkel ist, ändert die Brille überhaupt nichts."

In 33 Kapiteln - eines pro Streicholz, das noch in der Schachtel ist - beginnt der Ich-Erzähler, der seine Schlafschwierigkeiten durch extremes Frühaufstehen zu meistern sucht, mit der Nennung der Uhrzeit (zwischen 3.37 und 6.30 Uhr) und der akribischen Beschreibung seiner ersten Handgriffe (Kaffee zubereiten, Feuer machen, Apfel essen). So erfahren wir nicht nur vom Brennverhalten so unterschiedlicher Materialien wie Prospekten, Kekspackungen, Zapfen, Telefonbuchseiten oder Nabelfusselröllchen, sondern - im Zuge der Abschweifungen und Assoziationen, deren poetische Präzision das Markenzeichen Bakers ist - einiges vom Leben eines zärtlichen Familienvaters, der seit 15 Jahren Nachtsitzpinkler ist und sich eine Gesäßhälfte rücksichtsvoll auf die Seite zieht, um nicht zu laut zu furzen.

"Ich habe einfach nur mein Dreirad gefahren, bin zur Schule gegangen, habe meine Fahrradlager geschmiert, einen Job bekommen, geheiratet, Kinder bekommen, und da bin ich nun", beschreibt der auf Glatze und grauen Bart zugehende Mann sein unspektakuläres Leben. Aber wer braucht schon eine aufregende Vita, wenn er zwei Augen im Kopf hat, diese zu benutzen weiß und dann auch noch über die stupende Stilsicherheit Nicholson Bakers verfügt? Der Mann mag unter der Dusche nicht die eleganteste Figur machen, aber wer - als eine Art gut gelaunter Peter Handke - den heraufdämmernden Tag um 4.03 Uhr mit den Ekstasen der Geschirrreinigung glücken lässt, den muss man einfach lieben - kein Wunder, dass er seit 23 Jahren glücklich verheiratet ist: "Dann rieb ich, glitt über die glatten Stellen hinweg und rammte die Widerstandsnester. Bald gaben die fest gebackenen Atolle, über Nacht eingeweicht, nach: Ich setzte dem letzten noch eine Weile von der Seite zu, das Lächeln des fröhlichen Scheuerers mit zusammengebissenen Zähnen im Gesicht, und weg war es - nein, da war noch eine winzige raue Stelle, der ich mich noch zuwenden musste, und dann, ach, du schönes Leben, konnte ich mit meinem Schwamm über die gesamte Fläche der Schüssel in der Geschwindigkeit des wirbelnden Wassers kreisen, reibungslos, wie ein Velodromfahrer auf der Ehrenrunde."Irgendwo zwischen diesen beiden Positionen steht Mark Costello mit seinem Debütroman "Paranoia". Die Ausgangssituation wäre an sich formidabel: Wir begeben uns direkt ins Herz des amerikanischen Verschwörungswahnsinns, indem wir der Leibwächtertruppe des Vizepräsidenten durch den Wahlkampf folgen und sie bei der täglichen Konfrontation mit Enttäuschten und Spinnern, aber auch mit ihren eigenen kaputten Leben beobachten. Statt ans Eingemachte zu gehen, verstrickt sich der bieder erzählende US-Autor aber in weniger spannenden Befindlichkeitsschilderungen, die mit dem Titelwort eher nur entfernt zu tun haben.

Klaus Nüchtern in FALTER 14/2004



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