Eines Nachts

Peer Hultberg, Angelika Gundlach


Ein Mann liegt hinter der Wohnungstür auf der Lauer. Den Weg übers Stiegenhaus ins Freie hinaus hat er minutiös geplant. Die Tagesabläufe und Rhythmen der Nachbarn kennt er genau, dennoch ist er vorsichtig. Dieser Mann will offensichtlich niemandem begegnen. Auch draußen sucht er die stillen Ecken und huscht zum Einkaufen verstohlen in ein kleines Geschäft: "Denn Rudolf Loften zitterte vor den großen Supermärkten." Schon die Eingangsszene von Peer Hultbergs Roman ist großes Kino. Dieser Loften, das geht einem spätestens auf, wenn er zielstrebig das Schnapsregal ansteuert, muss kurz vor Ladenschluss dringend Alkohol besorgen. Eine Flasche Wodka, nein, warum ausnahmsweise nicht gleich zwei.
Loften ist aber nicht allein. Der dänische Autor, den Kenner der skandinavischen Literatur schon länger zur ersten Liga europäischer Schriftsteller zählen, blendet in "Eines Nachts" zwischen den Mitgliedern einer durchschnittlich zerrütteten Familie hin und her. Da ist der Trinker, der sich bisher nur für seine griechischen Verben interessiert hat. Da ist die Schwester, eine ehemalige Konzertpianistin, die sich als Klavierlehrerin verdingt und immer noch auf den Märchenprinzen wartet ("ein erster Satz das ganze Leben"). Und auch im Haus der Eltern scheint einiges nicht zu stimmen. Der kunstfertig erzählte Roman blickt hinter die Kulissen und zeigt familiäres Elend, das einen nicht kaltlässt.

Sebastian Fasthuber in FALTER 10/2008



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