Und keiner war dabei. Dokumente des alltäglichen Antisemitismus in Wien 1938

Hans Witek, Hans Safrian


Viele waren dabei

Im Gedenkjahr 2008 ist nun die erweiterte Auflage der 1988 erstmals veröffentlichten und damals schnell vergriffenen Dokumente des alltäglichen Antisemitismus in Wien erschienen. Damals, 50 Jahre nach dem "Anschluss", waren die von den beiden Historikern Hans Safrian und Hans Witek publizierten und kommentierten historischen Belege Ausgangspunkt für zahlreiche Diskussionen und mediale Aufmerksamkeit. Erstmals wurde der Vermögensentzug in dieser Weise dokumentiert, und schnell wurde das Buch zum Standardwerk. Der Beginn der Auseinandersetzung um die Kriegsvergangenheit von Kurt Waldheim lag erst zwei Jahre zurück. Immer noch wurde von Politikern in offiziellen Reden von Österreich als dem ersten Opfer des Dritten Reichs gesprochen. Erst langsam – und nicht zuletzt durch diese Publikation – kam die Diskussion über die Beteiligung der Österreicherinnen und Österreicher an den Verbrechen während des Nationalsozialismus in Gang. Die Autoren belegten eindrucksvoll, wie sich die Wiener Bevölkerung gänzlich ohne Befehle von "oben" an den Erniedrigungen von Jüdinnen und Juden beteiligten, wie sie den Nachbarn die Wohnungen "arisierten", ihnen das letzte Hab und Gut raubten.
In den letzten 20 Jahren ist viel passiert, einerseits entschädigungspolitisch (Nationalfonds, Entschädigungsfonds, Versöhnungsfonds, Kunstrückgabe) und andererseits wissenschaftlich und publizistisch (Historikerkommission der Republik Österreich, Provenienzforschungskommission, Historikerkommissionen in Unternehmen, Banken usw. sowie zahlreiche Einzelstudien). Überdies ist eine Vielzahl an Aktenbeständen, die damals noch unter Verschluss waren oder in irgendwelchen Kellern verstaubten, heute zugänglich. Und mittlerweile vertreten österreichische Politiker – zumindest rhetorisch – durchaus, dass Österreicherinnen und Österreicher an Verbrechen während des Nationalsozialismus beteiligt und in erster Linie nicht Opfer waren.
Die Autoren wenden sich den tatsächlichen Opfern des Nationalsozialismus zu. Sie konfrontieren Berichte von Opfern, ihre Briefe, ihre Schreiben, ihre Bitten und Eingaben mit Dokumenten von jenen, die die Diskriminierungen, Demütigungen, "Arisierungen", Beschlagnahmungen und zuletzt die Deportation und Vernichtung organisiert und durchgeführt haben. Die Ergebnisse der ersten Auflage wurden weitergeführt, aktualisiert und um zahlreiche Dokumente und Darstellungen ergänzt. Hinzugefügt wurden etwa Listen von beschlagnahmtem und eingezogenem Vermögen zugunsten des Deutschen Reichs: Mietshäuser, Villen, Palais und Mietwohnungen, Wohnungseinrichtungen und ein Sportflugzeug, Schmuck und Unternehmen, Fotoapparate und Silberbesteck, aber auch 45 Berghütten der Naturfreunde, die Skihütte und den Sportplatz des Skiklubs der Hakoah am Semmering – eine nicht enden wollende Aufzählung.
Leider haben die Autoren auf den Wiederabdruck ihrer Einleitung und des Vorworts der Historikerin Erika Weinzierl verzichtet – beide Texte sind historische Dokumente, die Aufschluss über zeitgenössische Diskussionen und Sichtweisen geben. Dennoch ist dieses Buch, wie schon die erste Auflage, ein unverzichtbarer Beitrag zum heurigen Gedenkjahr und damit zur österreichischen Geschichte.

Eva Bimlinger in FALTER 23/2008



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