Anschluss. Ich hole euch heim

Hans Petschar


Vergrößerte Reichweite

Jubelnde Menschenmassen am Heldenplatz, vor Freude strahlende Jugendliche in Großaufnahme, Hakenkreuzfahnen an Rathaus und Staatsoper: Der "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland wird mit den stets gleichen Bildern illustriert. "Man kann heute kein Bild verkaufen, auf dem kein Hakenkreuz drauf ist", sagt Hans Petschar, der Direktor des Bildarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek. Die Anfragen an sein Archiv belegen, dass Journalisten ihre Geschichte immer mit den gleichen fünf, sechs Bildern illustrieren. "Und das sind Fotos der Goebbels-Propaganda."
Der Historiker hat nun eine umfangreiche Auswahl aus den Beständen der Nationalbibliothek publiziert und den Entstehungszusammenhang der Fotos dokumentiert. Der lässt sich etwa anhand der Texte der Fotoagenturen und persönlicher Notizen auf der Bildrückseite rekonstruieren. Auch fanden sich in den Nachlässen von Profifotografen und Amateuren Bilder, die, wenn auch unbeabsichtigt, der gleichgeschalteten Imagekontrolle der Nazi-PR-Stellen zuwiderliefen. Da fährt etwa die Familie eines steirischen Forstbeamten nach Wien, um am 15. März bei der Hitlerrede am Heldenplatz dabei zu sein. Kein Spaß für die ganze Familie: Während sich der Vater auf dem Anreiseweg zackig in SA-Uniform präsentiert, blickt das Töchterchen gelangweilt auf den Schneematsch. Ein Schuss dokumentarischer Alltäglichkeit bricht die Symmetrie der Massenaufmärsche und Rednertribünen.
Die Fotos rufen außerdem eine fast vergessene politische Kampagne des März 1938 in Erinnerung. Am 13. März sollte ja eigentlich Schuschniggs Volksbefragung für ein unabhängiges Österreich stattfinden. Der austrofaschistische Bundeskanzler konnte mit sechzig Prozent Zustimmung rechnen. Während am Boden der Kärntner Straße noch die Flugblätter der Vaterländischen Front liegen, flattern am deutschen Reisebüro bereits die Hakenkreuzfahnen. Das besetzte Gebiet verwandelt sich in einen visuell wie akustisch mit Radio- und Wochenschauübertragungen und Hakenkreuzfahnen gefluteten Raum, in dem sich Menschenmassen und Massenmedien gegenseitig stimulieren. Die vermeintliche Freude über den Führer ist oft ein durch die Kamera ausgelöstes Grinsen; Frauen fahren sich mit den Fingern durchs Haar, um eine gute Figur zu machen. Sogar in der Nacht beherrschen Neonschriftzüge mit Naziparolen den öffentlichen Raum. Mit seiner Medienanalyse möchte Petschar den unglaublichen Erfolg der NS-Propaganda zu erklären versuchen, der zu jenen 99,75 Prozent führte, mit denen am 10. April für den "Anschluss" gestimmt wurde. Das Feindbild Judentum, aber auch positiv besetzte Themen wie Arbeitsbeschaffung, Jugend oder Autobahnen fraßen sich in Windeseile in alle Hirne; noch heute wirken diese Bilder nach. Die Reichweite der Dritte-Reich-Medien legte den Grundstein für die militärische Expansion.
Ein weiterer Aspekt von Petschars Recherche betrifft das fotografische "Business". Durch das Berufsverbot für Juden gab es plötzlich zehn Prozent weniger Fotografen. Leo Ernst etwa, der mit Albert Hilscher eine Agentur betrieb, wurde verhaftet. Hilscher arbeitete unverzagt weiter und dokumentierte auch die sadistischen Übergriffe gegen Juden, die gezwungen wurden, mit ätzender Lauge Parolen der Vaterländischen Front von Mauern abzuwaschen, oder den Buben, der das Wort "Jud" an eine Fassade schreiben musste. Diese Bilder konnte Hilscher damals aber nicht verkaufen, wollte man doch im Ausland keine negativen Berichte provozieren. Sie wurden erst 1958 in der Illustrierten Stern publiziert. Doch auch diese berühmten Fotos eines scheinbar spontanen Antisemitismus versieht Petschar mit Fragezeichen. In Form einer Bildserie publiziert, wirken die Szenen wie gestellt.

Matthias Dusini in FALTER 10/2008



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