Mein Prag. Erinnerungen. 1939 bis 1945

Peter Demetz, Barbara Schaden


Heikler Röntgenblick

Im besetzten Prag des Jahres 1941 stand der junge Verkaufsassistent einer Buchhandlung vor einer heiklen Aufgabe. Mit "ideologisch-kulturpolitischem Röntgenblick" musste er seine Kunden mustern und entscheiden, ob er ihnen antiquarische Schätze wie die verbotenen Werke Thomas Manns oder Alfred Döblins anvertrauen konnte oder doch lieber "so lange Ludwig Ganghofer (bayrischen Kitsch) oder Ina Seidel (preußischen Kitsch) herbeischleppte, bis der unbequeme Frager wieder verschwunden war". Drei Jahre lang meisterte er seine Aufgabe, ehe er Ende 1944 von der SS als Halbjude entdeckt und deportiert wurde.
Nach dem Krieg und der Flucht aus der kommunistischen Tschechoslowakei wurde aus dem so menschen- wie fachkundigen jungen Buchhändler der renommierte Literaturhistoriker Peter Demetz. Nun, mit 85 Jahren, erinnert er sich an seine Jugend von 1939 bis 1945 – und liefert in seinen Memoiren "Mein Prag" doch viel mehr als eine persönliche Erzählung vom Leben und Überleben in der Hauptstadt des "Protektorats Böhmen und Mähren". Sein Buch besteht aus zwei parallel erzählten, teils hart gegeneinander geschnittenen Teilen, die sich doch stets ineinanderspiegeln: Demetz verwebt (mitunter sehr) private Erlebnisse und die Geschichte seiner Familie mit einer allgemeinen Chronik der deutschen Okkupation. Vor allem aber erzählt er aus der Sicht jenes politisch hellwachen und kunstbeflissenen jungen Mannes, der er damals war.
Demetz wuchs zwischen den Kulturen auf, eine typische Prager Biografie: Seine Mutter entstammte einer jüdischen Familie aus der böhmischen Provinz; sein Vater, ein Theaterdramaturg, war Nachfahre aus Südtirol zugewanderter Ladiner, die ihre romanische Sprache bereits zugunsten des Deutschen abgelegt hatten. In der privaten Buchhandlung eines Bekannten fand der 19-jährige Schulabbrecher eine Tarnung, die es ihm ermöglichte, seinen kulturellen Interessen auch weiterhin nachzugehen. Denn inmitten des Schreckens konnte das Kulturleben der Stadt – das deutsch- wie das tschechischsprachige – erstaunlich lange aufrechterhalten werden.
Ausführlich berichtet Demetz von den Theatern, Kinos und Kabaretts, von Jazzmusikern und den Literaturszenen. Besonders aufschlussreich ist das Kapitel über den (tschechischen) Literaturstreit 1939, das paradigmatisch darlegt, wie sich das Bemühen um die Aufrechterhaltung eines nationalen Eigenlebens mangels politischer Möglichkeiten bald auf die Kultur konzentrierte. Man suchte – ähnlich den Deutschen zu Beginn des 19. Jahrhunderts – Selbstvergewisserung in Vergangenheit und Tradition, sodass "an die Stelle der Avantgarde der Ersten Republik ein allumfassender, äußerst engagierter Historizismus" trat, der bald für heftige Debatten sorgte.

Auch der politische Teil des Buchs bietet ganz neue Einblicke ins Thema. Denn Demetz überblickt dank seiner Mehrsprachigkeit die gesamte Historiografie – auch die nach 1989 endlich entideologisierte tschechische. Das führt nicht zuletzt beim Autor selbst zu manch offen eingestandener Neubewertung, etwa der ambivalenten Rolle Emil Háchas, des tschechischen Präsidenten von 1939 bis 1945. Und es ermöglicht im Gesamten eine ungewohnt objektive und damit vertrauenswürdige Chronik dieses so komplexen Kapitels tschechischer Geschichte. Vorsicht ist nur bei manchen Namensschreibungen und vor allem bei Jahreszahlen geboten, die allzu oft durcheinandergeraten. Schade, denn dieses so einzigartige Buch hätte ein besonders sorgfältiges Lektorat verdient.

Carsten Fastner in FALTER 10/2008



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