Titos Dolmetscher. Als Literat am Pulsschlag der Politik

Ivan Ivanji


Titos Papagei

Wer sind eigentlich die beiden Männer vor Ivan Ivanji? Quitschfidel wie der serbische Schriftsteller, Jahrgang 1929, ein altes Foto aus seiner Zeit als Dolmetscher kommentiert, möchte man ihn zum Hauptakteur dieses Gruppenbildes aus den späten 60er-Jahren machen. Der österreichische Bundespräsident Franz Jonas unterhält sich da mit dem jugoslawischen Staatspräsidenten Jozip Bros Tito, während Ivanji dahinter steht. So sieht sich der in Belgrad und Wien lebende Ivanji: als Statist auf der diplomatischen Bühne. Beide Staatsmänner sind längst tot, begraben ist auch Titos politisches Projekt der Blockfreiheit, zerstückelt die gemeinsame serbokroatische Sprache. "Ich könnte heute vier Sprachen dolmetschen", scherzt Ivanji, auf die Spaltung des Serbokroatischen in das Serbische, das Kroatische, Bosnische und neuerdings gar Montenegrinische anspielend. Er wuchs dreisprachig in der Banater Stadt Zrenjanin auf, wo in der Zwischenkriegszeit jedermann Ungarisch, Serbisch und Deutsch sprechen konnte.
Ivanji lässt sich gerne einen Jugo-Nostalgiker nennen, sogar einen Titoisten, obwohl der Marschall in Belgrad längst als Serbenfresser gilt. "Es war die beste Zeit meines Lebens", schreibt Ivanji in seinem kürzlich erschienenen Buch "Titos Dolmetscher" über die inzwischen verpönte Ära. Im Gespräch kommentiert er bereitwillig die aktuelle Lage, prophezeit etwa großalbanische Bestrebungen der Kosovaren und belächelt die Serbienkenntnisse Peter Handkes; in seinem Buch hingegen spart er zeithistorische Diagnosen aus. Protokollarisch sei man als Übersetzer Luft, sagt er, "wie ein Schiedsrichter, falls ihn ein Ball trifft". Dieser Rolle bleibt er auch in seinem Buch treu und enttäuscht damit die Erwartung an den Wissensvorsprung des Augenzeugen. So erfährt man lediglich Anekdoten vom Rand der großen Politik. Ivanji beschreibt etwa einen Staatsbesuch in Ostberlin, bei dem er schlechtgelaunt und hungrig hinter Tito sitzt und den Kellnern ausweicht. Tito wendet sich da an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker und empfiehlt ihm Ivanjis Roman über Kaiser Diokletian; es wird Ivanjis erfolgreichstes Buch. Für den Romancier, Lehrer, Journalisten, Dramaturgen und Kulturattaché war das Dolmetschen nur ein Zubrot.
Als Tito, der als junger Schlosser in Wiener Neustadt arbeitete und in der k.u.k. Armee diente, mit einem österreichischen Gast plötzlich deutsch zu sprechen begann, übersetzte Ivanji weiter – "wie ein Papagei". Beim Übersetzen sei man so auf die Tätigkeit konzentriert, dass man sich kaum an den Inhalt des Gesprächs erinnere, beschreibt Ivanji die Schwierigkeit eines Übersetzers, Ereignisse zu protokollieren. Ungebrochen positiv fällt sein Blick auf den ehemaligen Partisanenführer aus, der gemeinsam mit seiner Frau Jovanka in den deutschsprachigen Medien als eine Art kommunistischer Schah dargestellt wurde. Den Schäferhund aus der Zeit des Bürgerkriegs und der Verfolgung der prosowjetischen Opposition hatte er zu Ivanjis Zeiten bereits gegen den Pudel Billy eingetauscht. Ivanji erlebte Tito als "immer liebenswürdigen", "gaumenfreudigen Epikuräer"; Tito, den charismatischen Despoten, lernt man durch ihn nicht kennen.

Der Plauderton im Buch hört auch dann nicht auf, wenn die Erzählung Tragödien streift. Da ruft etwa der jugoslawische Außenminister Ivanji bei einem Besuch des KZ Buchenwald herbei, als ein ehemaliger Häftling vom Lagerleben zu erzählen beginnt. "Wir haben auch so einen!", sagt der Politiker und verweist auf Ivanjis eigene Haftzeit als jüdischer Häftling in Buchenwald. Der Dolmetscher spricht vom "einseitigen, lebenslangen Liebesverhältnis" zur deutschen Sprache und einem bewegenden Besuch im Weimarer Goethe-Haus. Ob ihn die Paarung Weimar und Buchenwald, Goethe und KZ niemals verzweifeln ließ? "Die SS hat kein gutes Deutsch gesprochen", antwortet Ivanji, der diesen Abschnitt seines Lebens in dem Roman "Der Aschenmann von Buchenwald" verarbeitete. Auch das gehört zu den guten Tito-Jahren: Antisemitismus war im alten Jugoslawien kein Thema.
Ein plastisches Bild zeichnet Ivanji vom deutschen SPD-Politiker Herbert Wehner, der Tito noch aus seiner Zeit im Moskauer Hotel Lux kannte. Dessen Kollege Hans-Jürgen Wischnewski hinterlässt bei einem Jugoslawienaufenthalt den Besuch einer slowenischen KZ-Gedenkstätte als Empfehlung. Als Ivanji diesen Tipp an Wehner weitergibt, poltert dieser: "Wischnewski war am Ende des Krieges NS-Führungsoffizier. Er soll ruhig Konzentrationslager besichtigen. Ich war Mitglied des Politbüros der Ka-Pe-De, ich gehe in keine Konzentrationslager!" Eine literarische Form für die Vielstimmigkeit von Erinnerung, zu der konservierende Zeugenschaft ebenso gehört wie das heilende Vergessen, das Verklären, auch das Verfälschen, suchte Ivan Ivanji nicht. Er übersetzt sein Leben nicht als Schriftsteller, sondern als "blockfreier" Dolmetscher

Matthias Dusini in FALTER 9/2008



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×