Die Wohlgesinnten

Jonathan Littell, Hainer Kober


Eklig und ermüdend

Das ist kein Roman, den man einfach so liest, man durchleidet ihn. Von der ersten Seite an stellt die Lektüre eine hochgradig verstörende Erfahrung dar, und das liegt zunächst am Erzähler und Helden von Jonathan Littells ausschweifendem Naziopus "Die Wohlgesinnten": Dieser Max Aue ist ein unangenehm ambivalenter Charakter und ein eher mäßig zuverlässiger Berichterstatter.
Schon wie er seine Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg beginnt, ist hochgradig fies. "Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist", hebt er weihevoll an. Dass der Leser an dieser Stelle instinktiv zusammenzuckt, ist dem von Littell mit verschlagener Intelligenz ausgestatteten SS-Offizier klar, wie der nächste Satz zeigt: "Wir sind nicht deine Brüder, werdet ihr antworten, und wir wollen es gar nicht wissen." Was Aue einem im Folgenden auftischen wird, ist also mit höchster Vorsicht zu lesen. Dieser Mann wird nichts unversucht lassen, sich mit geschickter Rhetorik zumindest teilweise aus der Verantwortung zu stehlen.
Littell zeichnet seinen Protagonisten nicht als dummdeutsches Monster; der Jurist Aue ist ein hochkultivierter Mann, der gern Literatur studiert hätte, entsprechend belesen und mit einem Faible für Fremdsprachen und Johann Sebastian Bach ausgestattet. In Russland besucht er das Lermontow-Museum. Den Titel seiner Erinnerungen leitet er von der Übersetzung des dritten Teils von Aischylos' "Orestie" ab – den rachelustigen Erinnyen, die euphemistisch die "Wohlgesinnten" genannt werden, um ihren Zorn zu beschwichtigen. Aue tritt einem auch nicht als erbitterter Judenhasser entgegen, sondern als zackiger Bürokrat mit leisen Zweifeln an der Rechtmäßigkeit der Endlösung. Und es gelingt ihm immer wieder – darin besteht das böse Spiel des Romans –, den Leser zu verunsichern: Wäre ich damals in ähnliche Situationen geraten, hätte ich anders gehandelt? "Ich bin schuldig, ihr seid es nicht, schön für euch. Trotzdem könntet ihr euch sagen, dass ihr das, was ich getan habe, genauso hättet tun können."
Nur einmal wird Aue selber zum Judenmörder (eine Szene, die Littell zu üblem Gewaltkitsch gerät), ansonsten hält er demonstrativ einen kleinen Abstand von den Erschießungskommandos und Gaskammern. Gegen Kriegsende hin mutiert er dafür zum Amokläufer in den eigenen Reihen. Und obwohl die Sache nicht restlos aufgeklärt wird, dürfte er auch seine Mutter und deren zweiten Ehemann getötet haben. Sein Verbalhass auf die Mutter ("die läufige Hündin"), der mit ihrer Entdeckung des inzestuösen Verhältnisses zwischen Max und seiner Zwillingsschwester und dem Verschwinden des leiblichen Vaters zusammenhängt, spricht dafür.

An Blut, Exkrementen und Sperma – nach der Trennung von seiner Schwester will Aue keine andere Frau mehr in seinem Bett und lebt nur noch seine leicht masochistisch getönte Homosexualität aus – herrscht in dem Buch beileibe kein Mangel. Noch ausgiebiger schildert Aue allerdings die knifflige Logistik und die Kompetenzkämpfe zwischen SS und Wehrmacht in Zusammenhang mit dem Krieg gegen die Sowjetunion zwischen 1941 und 1945. Die detaillierten Schilderungen und die ständigen Wiederholungen sorgen dafür, dass "Die Wohlgesinnten" nicht nur eklig, sondern auch enervierend und ermüdend ist. Genau darum scheint es Littell zu gehen: Der Leser soll gefälligst leiden. Zumindest in der Hinsicht ist "Die Wohlgesinnten" ein Triumph. Über den Rest wird noch lange diskutiert werden.

Sebastian Fasthuber in FALTER 9/2008



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