Cocksure

Mordecai Richler, Silvia Morawetz


Aus zahlenmythologischen Gründen befassen wir uns heuer mit der politischen Chiffre 1968. Dabei sind – zwischen dröhnender Selbstbezichtigung und kostenloser Besserwisserei – dem Beurteilungsfuror keine Schranken gesetzt. Als literarische Abrechnung mit dem Phänomen zum Zeitpunkt seiner Entstehung lässt sich "Cocksure" verstehen: Der Roman des Kanadiers Mordecai Richler (1931–2001) ist 1968 erschienen und wohl selbst als "Kind seiner Zeit" aufzufassen.
Ohne das mitzudenken, lässt sich diese krude, hanebüchene und zum Teil schlicht geschmacklose "Verkehrte-Welt"-Satire auf Swinging London, den Glamour der Medienwelt, die Selbstgerechtigkeit vermeintlicher Selbstbefreiung und die Traumata einer sich liberal gerierenden Mittelschicht wohl kaum noch konsumieren. Dass ein mafioser Medienmogul namens Star Maker seine Hand ausgerechnet nach einem angesehenen Londoner Verlag ausstreckt, ist so unplausibel wie egal, geht es doch ohnedies ums Dilemma des 42-jährigen Mortimer Griffin, der ständig Angst hat, entweder für einen Juden oder einen Antisemiten gehalten zu werden. Der Schrank ist voll von Gleitcreme; in der Schule führen die Kinder de Sade auf und werden zum Geschlechtsverkehr angehalten; die Mama erklärt dem achtjährigen Sohn den Ödipuskomplex – und trotzdem ist das Eheleben ein Witz. Weil Juden – wie Mortimers Freund Spicehandler – die größeren Schwänze und den besseren Sex haben? Hm.

Klaus Nüchtern in FALTER 8/2008



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×