Das Versteck der Minerva

László Márton


Die Europäische Kulturhauptstadt 2009 ist Schauplatz im jüngsten ­Ro­man von László Márton. Der ungarische Vielschreiber und Sprachvirtuose begreift Linz als neuralgischen Punkt der Geschichte, an dem sich im Jahre 1844 zahlreiche Lebenswege kreuzen. Im Zentrum steht Johann B., ein ungarischer Gelehrter, Dichter und Übersetzer, der im Alter von 81 ­Jahren das 28. Jahr seiner Internierung in der Provinzhauptstadt der ­Habs­burgermonarchie verbringt. Dahinter steckt der ungarische Denker und Dichter János Batsányi. Der Anhänger der Aufklärung und fortschrittliche Staatstheoretiker galt ­­als Schöpfer der "Schönbrunner Proklamation" von 1809, in der Napoleon das ungarische Volk zur Loslösung von Österreich animierte.
Mártons geschwätziger, humorvoller und gebildeter Erzähler befindet sich in einem der damals neuartigen Luftschiffe, von dem aus er –"aus der Höhe von einhundertsechzig Jahren" – verschiedene Schauplätze und Hirnwelten heranzoomt. Eine Heerschar historischer Personen – angefangen von Batsányis Frau, der Wiener Dichterin Gabriele Baumberg, über den Linzer Lithografen Josef Hafner und József Márton, ­Humbold­ts universitärem Ungarischlehrer in Wien, bis hin zu Fürst Metternich – wird aufgeboten, um anhand kurzweiliger Anekdoten ein widersprüchliches Bild von diesem geheimnisvollen Mann zu geben. Johann B. selbst scheint aus der Zeit gefallen zu sein: Vor Metternichs Spitzelstaat kapitulierend, lebt er in innerer ­Emigration. In seinem Kopf aber erwachen alte Sehnsüchte nach Ungarn und seiner Jugendliebe, und Minerva, die römische Göttin der Weisheit, scheint sich dorthin zurückgezogen zu haben. Denn, so der lakonische Kommentar des Erzählers, in der Welt sei sie nirgends mehr zu finden.
In dem mit aller Kunstfertigkeit verfassten historischen Roman beleuchtet Márton das überzeitliche Problem des gesellschaftspolitischen Umbruchs und der Allgegenwart der Geschichte, deren Zeichen gelesen werden wollen. Am Ende erscheint die aus der Vogelperspektive betrachtete Gegend um Linz wie ein menschliches Gehirn, in das sich die Zeit ebenso eingeschrieben hat wie Flussläufe in die Landschaft.

Alexandra Millner in FALTER 8/2008



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