Fischtal

Philipp Tingler


Wer Thomas Mann mag, wird bei der Lektüre dieses Romans rasch merken, dass Philipp Tingler ihn ebenfalls schätzt. Der in Zürich lebende Berliner und Autor witziger, ziemlich bissiger Kurzgeschichten, Reportagen und Kolumnen, erzählt in seinem ersten Roman die Chronik einer (wer Tingler kennt, geht davon aus: seiner) großbürgerlichen Familie. Dabei spart er nicht mit detailversessenen, wunderbar auf Pointe geschriebenen Schilderungen von Figuren und Ambiente. Fischtal, das Berliner Haus der verstorbenen Großmutter, die zu Lebzeiten Clanoberhaupt und ein bitterböses Weib war, soll aufgelöst werden. Die Verwandtschaft rafft beiseite, was da zwischen schweren Eichenmöbeln nicht niet- und nagelfest ist. Mittendrin Enkel Gustav, der sich – in Fischtal aufgewachsen und frisch dem Gymnasium entsprungen – geschickt in der "besseren" Gesellschaft bewegt.
Wir befinden uns in der Vor-Wende-Zeit der späten Achtzigerjahre, die Welt im Westberliner Villenvorort Zehlendorf ist noch in Ordnung: "Man weinte nicht in Gustavs Familie. Man schrie das Check-in-Personal bei Air France an." Auf knapp 300 Seiten erfahren wir eine Menge über die Familienhölle zwischen Nervenklinik, Messerbänkchen und Alligatorlederpumps. Von den vielen bizarren Charakteren würde man allerdings gerne noch mehr lesen. Doch dann hat Tingler (oder den Verlag) wohl der Mut verlassen ... Angefixt und nicht weitergemacht: Bei Mann hätt's das nicht gegeben.

Christopher Wurmdobler in FALTER 8/2008



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