Wie im echten Leben. Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges

Joris Luyendijk, Anne Middelhoek


Eine Saftbar in Beirut führt Hitlercocktails. Mit dem Eigentümer hat Joris Luyendijk ein bizarres Gespräch über ermordete Juden und Araber geführt. Für seine Zeitung war es zu verstörend. Auch seine Reportage über die erschreckend hohe Wahrscheinlichkeit, bei einem Verkehrsunfall in Ägypten zu Tode zu kommen, hat seine Chefs nicht begeistert. Verlangt wurden von ihm Berichte aus der arabischen Welt, die seine Heimatredaktion in den Niederlanden oft genauso gut aus Agenturmaterial zusammenstellen hätte können – allerdings ohne die Authentizität signalisierende Ortszeile. Dass die Arbeit eines Auslandskorrespondenten anders lief, als er es sich ausgemalt hatte, lag schon daran, dass Luyendijks Hocharabisch außerhalb von Kairo kaum verstanden wurde. Immer noch besser als Kollegen, die nicht mal die Zeitung entziffern und keinen Schritt ohne Dolmetscher tun konnten; und im Unterschied zu den einheimischen Journalisten wurde er wenigstens nicht vom Geheimdienst gegängelt.
Aus den korrupten Diktaturen der arabischen Welt zu berichten sei eigentlich unmöglich, schrieb er sich nach seiner Rückkehr den Ärger von der Seele. Und landete in seiner Heimat überraschend einen Bestseller, mit dessen Einschätzungen zum Nahostkonflikt man nicht einverstanden sein muss, um ihn zu mögen. Seine Ehrlichkeit hob Luyendijk unter den Kollegen heraus und erwies sich als Investition in die eigene Karriere: Inzwischen ist der ehemalige Korrespondent Fernsehmoderator.

Stefan Löffler in FALTER 7/2008



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