Wildes schönes Tier

Fridolin Schley


Wer Fridolin Schleys jüngstes Buch an einem Abend auf dem Sofa liegend überfliegt, wird darin – hat er sich an den eigenartigen Stil erst mal gewöhnt – nur allzu gewöhnliche Geschichten vorfinden. So was hat man schon einmal gelesen: Die passiven Protagonisten nehmen die ungeheuerlichen Dramen, die sich ereignen, zwar wahr, lassen sie aber stets stillschweigend über sich ergehen – sei es der schleichende Untergang einer Familie, dessen Anfang auf einem wackligen Urlaubsvideo festgehalten ist, sei es der quälende und dennoch plötzliche Abschied von einem kranken Vater, der einst den Berliner "Palast der Republik" geplant hat. Und natürlich geht es – gleich in mehrfacher Ausführung – um die völlige Unmöglichkeit der Liebe.
Auf den ersten Blick wirken die Texte sehr konventionell; auf den zweiten Blick zeigt sich, dass sie ganz und gar nicht so harmlos sind. Fridolin Schley, der davor schon den Roman "Verloren, mein Vater" und den Erzählband "Schwimmbadsommer" veröffentlicht hat, spielt hier fintenreiche literarische Spiele und entfaltet einen Kosmos aus Querverweisen, Zitaten, Motiven, an dem man viel Freude haben kann. Noch dazu besitzen die Geschichten, bei all ihrer stillen, literarischen Hinterlistigkeit, eine überragende Stärke: Sie schaffen es ein ums andere Mal, den Leser mit schlichten Bildern und Sätzen zutiefst zu rühren. Eine spannende Alternative also zum mutlosen Mädchen- und Männerrealismus der jüngeren deutschen Literatur.

Martin Becker in FALTER 7/2008



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