Zähne und Klauen. Erzählungen

T.C. Boyle


Das Tier in mir

Er hatte die Gerüchte gehört – drüben in der F Street sei ein Paar eingezogen, und die Frau sei ein bisschen seltsam und renne zu jeder Tages- und Nachtzeit durch die Gärten der Nachbarn, heule den Mond an und zeige jedem, der sich ihr in den Weg stelle, die Zähne –, aber er hatte das als eine Art moderne Vorstadtlegende abgetan. Doch da war die Frau in seinem Garten."
Es ist nicht nur im metaphorischen Sinn ein Hundeleben, das die Figuren in den jüngsten Storys von T.C. Boyle fristen. Die betreffende Geschichte trägt den Titel "Hundologie" und handelt von einer Frau, die sich einer Gruppe herumstreunender Kläffer anschließt und nach und nach alle menschlichen, oder besser: zivilisatorischen, Eigenschaften ablegt.
Tief drinnen schlummert das Tier in uns, das ist die Grundvoraussetzung für die Kurzgeschichten, die in "Zähne und Klauen" versammelt sind. Und es braucht nicht viel, um es wachzurufen. Es müssen nicht unbedingt Katastrophen sein, wie die jenes Mannes, der sich nach einem Schicksalsschlag langsam zu Tode trinkt ("als ich heute morgen aufwachte, war alles weg, was ich mal hatte"). Oft genügt ein scharfer Windstoß, um jemand umzuhauen ("Windsbraut") oder Schlaflosigkeit, um an die Grenzen des eigenen Menschseins herangeführt zu werden ("Der freundliche Mörder"). Was denn auch prompt passiert. Wie sehr die Figuren auch dagegenrudern, sie rudern meist vergeblich.
Im Grunde sind es traurige Geschichten, die der für seinen absurden Humor gerühmte Boyle hier erzählt – Loser- und Alkoholiker-schicksale aus US-Kleinstädten. Doch sein grimmiger, mitfühlender Witz verlässt den Autor auch hier nie und sorgt für die Wärme der Empathie. Sprachlich und stilistisch – und hierfür sind auch die Übersetzer zu loben – funkeln die Storys sowieso. Wie Boyle in zwei, drei Sätzen ein Szenario entwirft und den Leser in eine Geschichte reinzieht, ist große Klasse. Und wo seine Romane mitunter überladen und etwas beliebig wirken, bleibt die Short Story, mit der er einst seine Schriftstellerkarriere ja auch begann, die Form, in der er seine Trümpfe am besten ausspielen kann – immer ein Ass im Ärmel.

Sebastian Fasthuber in FALTER 7/2008



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