Unser Kampf 1968

Götz Aly


Der Muff von vierzig Jahren

Verzeiht", ruft da einer, "dass ich dem Massenmörder Mao nachgelaufen bin und nicht erkannt habe, dass die Israelkritik versteckter Antisemitismus war. Verzeiht mir, dass ich nicht die Parallelen zwischen der nationalsozialistischen Studentenbewegung 1933 und jener von 1968 erkannt habe und dass ich die USA mit SA verwechselte." Der deutsche Historiker Götz Aly, bekannt durch Thesen zur Sozialpolitik des NS-Staates, kniet sich in den Beichtstuhl, um mit den Mythen der 68er-Generation abzurechnen. Geistig-moralisch gewendet sucht er bei einigen älteren Herren um Vergebung.
Er nennt sie die Generation Kohl, also jene heute etwa Achtzigjährigen, die etwas älter sind als die Krawallrentner, die nun so selbstgerecht ihren sechzigsten und 65. Geburtstag feiern. Diszipliniert und ohne das Völlegefühl der Wirtschaftswunderkinder waren es diese "scheißliberalen Spießer", die die eigentliche Grundlage für eine demokratische Bundesrepublik schufen. Aly stützt seine Thesen auf die Schriften seines ehemaligen, damals als reaktionär geltenden Professors an der Freien Universität Berlin, Richard Löwenthal, auch auf Berichte des Verfassungsschutzes. Die Archive der linken Protagonisten selbst weisen merkwürdige Lücken auf. Wer möchte auch schon an einen niedergeschossenen Bibliothekar oder den Brandanschlag auf ein jüdisches Heim erinnert werden?
Aly sagt 68er und meint damit eine linksradikale Avantgarde, deren Innenleben er kenntnisreich beschreibt. Pauschal fällt der Vergleich zwischen den volksnahen Kollektivisten und Führerkulturanfälligen und deren Eltern, den völkischen Verfassungsfeinden der Dreißigerjahre, aus. Kuscheln im Kleinkollektiv oder den Jugendfaschismus des "Trau keinem über dreißig!" reiht Aly in eine von der Romantik über die NS-Zeit bis 1968 reichende Ideengeschichte. Naserümpfend verweist er auf die Karrieren jener Altersgenossen, die, zwangsernährt durch den Sozialstaat, in der Protestidylle Westberlin abtauchten, 1989 die in den Westen strömenden DDR-Spießer verachteten, um dann zur späten Karriere in den Universitäten und Ämtern des abgewickelten Arbeiter- und Bauernstaates anzusetzen. Unter den Talaren vermutet Aly den Muff von vierzig Jahren. Ende der Sechzigerjahre gehörte er selbst zu jenen "Krawallschwaben" aus dem stockkonservativen Süddeutschland, die ins liberalere Westberlin zogen. Rückblickend sieht er im "faschistoiden Gewaltapparat" des Staates eine "gemütliche Versorgungsgemeinschaft", deren Vertreter heillos überfordert waren. Aly gibt Löwenthal recht, der bei der Neuen Linken "extreme Faktenfeindlichkeit" konstatierte. Hans Magnus Enzensberger veröffentlichte etwa 1967 im populären "Kursbuch" Mao-Elogen, die sich auf Einschätzungen eines Ex-Nazis stützten.
Aly flicht Analysen ein, die diese Nabelschau deutscher Verhältnisse nicht zur Polemik verengen. Auch wenn er die künstlerische und popkulturelle Dimension von 1968 unterschlägt, also gezielte Übertreibungen, Ironien und Travestien für bare Münze nimmt, kommt er zu überraschenden Erkenntnissen. So belegt er anhand von Zeitungsberichten, dass die Aufarbeitung der NS-Verbrechen durchaus stattfand, gerade aber von jenen, die ein so libidinöses Verhältnis zur Moral entwickelten, nicht wahrgenommen wurde. 1968 wurden mehr NS-Prozesse geführt als in jedem anderen Jahr davor oder danach. "Die Behörden taten mehr, als die deutsche Gesellschaft ertragen konnte."
Auch die kritische Jugend verdrängte, so Alys These, mit diffusen Thesen über Faschismus und Monopolkapital. Alys eigene linksradikale Wirrungen endeten 1974, nach enttäuschender Jugendarbeit im Klub Trink-dich-frisch und der Geburt zweier Kinder.

Matthias Dusini in FALTER 7/2008



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