Mensch ohne Hund

Håkan Nesser, Christel Hildebrandt


Der Schwede Hakan Nesser hat seinen beliebten Kommissar Van Veeteren nach zehn hochgelobten Krimis in Pension geschickt. Der erste Roman um den – in skandinavischen Krimis offenbar üblichen – bedächtigen, melancholischen und unverheirateten Inspektor Gunnar Barbarotti braucht bis Seite 193, bis so etwas wie ein Verbrechen passiert: Ein Onkel, der sich (und seine Familie) durch betrunkenes Masturbieren vor laufender Fernsehkamera der Lächerlichkeit preisgegeben hat, sowie dessen Neffe verschwinden an zwei aufeinanderfolgenden Abenden von einer Familienfeier.
Bis zu diesem Zeitpunkt ist Nessers Roman eine sich atemberaubend zuspitzende Familientragödie, erzählt aus wechselnder Perspektive der Familienmitglieder, die sich alle nicht besonders gut leiden können. Das ist erzählerisch sehr interessant gemacht und erinnert durchaus an Jonathan Franzens Familienstudie "Korrekturen".
Danach wird es ein wenig zäh. Weil der Leser mehr weiß als der Inspektor, wirkt dieser etwas blass, wie es Barbarotti überhaupt noch etwas an Profil fehlt. Aber das kann in den geplanten drei weiteren Romanen ja noch vertieft werden. Am Ende wird jedenfalls alles noch viel schlimmer, als vom Leser befürchtet, und der Roman nimmt wieder Fahrt auf, auch wenn er alles in allem eher ein stiller Krimi mit literarischem Anspruch bleibt – ideal für lange Wintertage⩃

Thomas Askan Vierich in FALTER 6/2008



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×