Exit Ghost

Philip Roth, Dirk van Gunsteren


Exit Zuckerman

Es ist nun auch schon wieder ein paar Jahre her, seit wir Nathan Zuckerman begegnet sind. Wir erinnern uns: Seinen bislang letzten Auftritt hatte Philip Roths wichtigster und meistbeschäftigter Protagonist (siehe Kasten auf Seite 57) vor acht beziehungsweise zehn Jahren – in dem 2000 erschienenen und im Jahr 1998, vor dem Hintergrund der Clinton/Lewinsky-Affäre spielenden Roman "Der menschliche Makel". Damals hatte sich der Schriftsteller aus der "Verstrickung in das Leben" und aufs Land zurückgezogen und den eigentlichen Protagonisten des Romans, den Literaturprofessor Coleman Silk, dabei beobachtet, wie dieser just das Gegenteil tut und sich noch einmal – Kopf (oder Schwanz) voran ins Leben stürzt. In einer der schönsten Passagen des an eindrucksvollen Szenen ohnehin nicht armen Romans führt Roth die beiden älteren Herren – Zuckerman ist Mitte sechzig, Silk gar Anfang siebzig – einander als Tanzpartner zu:
"Was soll's, dachte ich, wir werden bald genug tot sein. Ich stand auf, und dort, auf der Veranda begannen Coleman Silk und ich Foxtrott zu tanzen. (...) Wer hätte gedacht, dass dieser Mann jemals wieder Geschmack an den Torheiten des Lebens finden würde und dass nicht alles Spielerische und Unbeschwerte in ihm zusammen mit seiner Karriere, seinem Ruf und seiner außergewöhnlichen Frau zerstört und verloren war? (...) Ich reichte ihm die Hand und ließ es zu, dass er seinen Arm um meinen Rücken legte und mich verträumt über den alten Fußboden aus blauem Sandstein schob."
In seinem dieser Tage in deutscher Übersetzung erscheinenden Roman mit dem unübersetzten Titel "Exit Ghost" (das Original erschien im Herbst vergangenen Jahres) verschafft Philip Roth seinem Helden noch einmal einen Auftritt als Protagonist im Zentrum des Geschehens. Nach elf Jahren kehrt Zuckerman erstmals nach New York zurück, um die peinigenden und peinlichen Folgen einer Prostatektomie – ein Thema, das in der Literatur der Nullerjahre eine bedeutende Rolle spielt, siehe die aktuellen Romane von Richard Ford und Michael Köhlmeier – durch einen medizinischen Eingriff zumindest zu lindern. Ohne Handy, Computer, Videorekorder und DVD-Spieler verbrachte Zuckerman in selbstgewählter Isolation – "die Gewohnheit, allein zu sein, ohne darunter zu leiden, hatte von mir Besitz ergriffen" – in den Berkshires, einem Hochland im westlichen Massachusetts. Von 9/11 hat er aus der Zeitung erfahren, das zentrale politische Thema ist mittlerweile der zweite, vom Verdacht des Wahlbetrugs überschattete Sieg George Bushs im November 2004. Die Empörung von Jamie Logan und Billy Davidoff, von deren Inserat sich Zuckerman spontan zu einem Wohnungstausch anregen lässt, kann der plötzlich ins urbane Leben zurückgekehrte Schriftsteller allerdings nicht teilen:
",Sie haben den Krieg nicht verfolgt?'
,Nein.'
,Sie wissen nichts von Bushs Lügen?'
,Nein.'
,Wenn ich an Ihre Bücher denke', sagte Billy, ,fällt es mir schwer, das zu glauben.'
,Ich habe meine Dienstzeit als aufgebrachter Liberaler und empörter Bürger abgeleistet', sagte ich (...)."
Wiedererweckt werden die Lebensgeister des 71-Jährigen – surprise, surprise – vom anderen Geschlecht: "In New York war es noch immer warm, und die Frauen waren auf eine Weise gekleidet, die ich nicht ignorieren konnte, sosehr ich mich auch dagegen wehrte, von ebenjenen Begierden erregt zu werden, die ich durch mein Leben in der Abgeschiedenheit eines Naturschutzgebietes bewusst zum Schweigen gebracht hatte." Bei aller Aussichtslosigkeit auf Befriedigung dieser Begierde – aufgrund der Beschädigung des Nervengewebes ist die Impotenz, im Unterschied zur Inkontinenz, unwiderruflich final – macht Zuckerman der äußerst attraktiven Jamie den Hof. Die dreißigjährige Tochter eines texanischen Ölindustriellen will sich aus der Großstadt zurückziehen, weil sie einerseits Angst vor weiteren Anschlägen hat und andererseits – so wie auch ihr Mann Billy – ihre noch nicht sehr weit gediehene Schriftstellerkarriere vorantreiben will.
"Das Mysterium des Alterns besteht im Vergehen der Zeit", meint Philip Roth in einem aktuellen Profil-Interview. In "Exit Ghost" wird dieses Vergehen in aller Unerbittlichkeit vorgeführt. Roths Werk, berüchtigt für seine vermuteten und ausgewiesenen autobiografischen Allusionen, ist auch ein gigantischer Hallraum der Literatur – fremder ebenso wie eigener –, und so ist es nicht verwunderlich, dass Roth die Geister von Zuckermans Vergangenheit heraufbeschwört: "Exit Ghost" bezieht sich auf "Der Ghost Writer", und die seitdem verstrichenen Jahre – knapp dreißig in der Realität, 48 in der Fiktion – fordern ihren Tribut: E.I. Lonoff, das bewunderte Idol, das der junge Zuckerman damals aufgesucht hat, ist seit Jahrzehnten tot; seine Frau Hope, die ihn seinerzeit nach 35-jähriger Ehe verlassen hat, ist über hundert und die älteste Alzheimerpatientin des Landes; und Amy Bellette, der in "Ghost Writer" als "überwältigende Mädchen-Frau" beschriebene Anlass für das Scheitern dieser Ehe, ist eine 75-jährige hinfällige Frau, schwer gezeichnet von den Folgen des operativ beseitigten Gehirntumors. "Die Zeit", so merkte Bharat Tandon in seiner Rezension für das Times Literary Supplement in Anspielung auf Andrew Marvells berühmtes Carpe-diem-Gedicht "An seine spröde Geliebte" ("To his Coy Mistress") treffend an, klinge beim späten Roth "nicht wie ein geflügelter Streitwagen, sondern wie ein Krankenbett mit schlecht geölten Rädern".
Nathan und Amy bilden eine zittrige Koalition im Kampf um das Lonoff'sche Erbe und Andenken. In der Konfrontation mit dem ehrgeizigen Literaturwissenschaftler Richard Kliman – "ein agiler, beeindruckender junger Mann mit dichtem dunklem Haar" und "ein Prachtexemplar von einem Fullback" – können sie eigentlich nicht bestehen. Kliman hat es sich in den Kopf gesetzt, eine Biografie Lonoffs zu schreiben und dessen dunkles Geheimnis aufzudecken – die inzestuöse Beziehung zur Halbschwester, als deren literarische Bewältigung er jenes späte Romanmanuskript betrachtet, das sich – bisher unveröffentlicht – in Amys Besitz befindet. Zuckerman zweifelt an der Lauterkeit von Klimans Ambition und verweigert die erbetene Kooperation: "Sie wollen also Lonoffs Ruf als Schriftsteller wiederherstellen, indem sie seinen Ruf als Menschen zerstören. Sie wollen das Genie des Genies durch das Geheimnis des Genies ersetzen. Rehabilitation durch Schande." Der gerne vorgenommenen Gleichsetzung von Autor und Protagonist widersprach Roth in einem Interview mit dem Observer übrigens durch ein Bekenntnis, das allenfalls zu fünfzig Prozent überraschend kommt: "Wollte man meine Darstellung von Kliman als Angriff auf das biografische Genre verstehen, wäre das ein ebenso großer Irrtum, wie wenn man meine Darstellung von Portnoy (Protagonist des frühen Roth-Romans "Portnoys Beschwerden") als einen Angriff auf die Praxis der Masturbation verstünde – ich zähle mich zu den Freunden beider."

Das ermüdende Wechselspiel der Identifizierung Roths mit seinen Helden durch Kritik und Leser und den entsprechenden Dementis des Autors verstellt aber den Blick für Widersprüche, die ganz ohne Bezug auf autobiografisches Hintergrundwissen auszumachen sind. Oft muss man die Komplexität des Werkes ja auch gegen den Autor verteidigen. Wenn Roth beteuert, dass Zuckerman in neun Romanen lediglich zweimal Sex habe, von den Rezensenten aber nichtsdestotrotz beharrlich als Sexbesessener beschrieben werde, ist das nicht viel weniger schlicht als die simple Ineinssetzung von Literatur und Leben. Immerhin können wir Zuckerman in der "Anatomiestunde" mit schmerzstarrem Nacken, nahezu immobil am Boden liegen, mit bizarren Prismabrillen ums Eck schauen oder gebogenen Glasröhrchen Wodka schlürfen und dabei mit vier verschiedenen Frauen verkehren sehen – eine leichte Obsession wird man angesichts eines solchen Szenarios schon diagnostizieren dürfen. Und lässt sich das Vorhandensein brennenden Begehrens in Gleichzeitigkeit mit absoluter Aussichtslosigkeit auf Erfüllung, wie sie nun den 71-jährigen Zuckerman als etwas umständlich eingedeutschte "Wucht der sexuellen Anziehungskraft" (im Original: "the velocity of the attraction") quält, nicht durchaus als Besessenheit definieren?
Und erst recht wird man einem Autor, der über Jahrzehnte hinweg den immer älter werdenden Protagonisten immer jüngere Frauen als Objekt der Begierde zuführt, eine gewisse monothematische Fixiertheit unterstellen können. Das despektierliche Verdikt der "Altmännerliteratur" (im Übrigen eine der wenigen Vokabeln, die kein misogynes Pendant kennen) sollte man dennoch nicht vorschnell über ihn verhängen. Fraglos – no na! – aus männlicher Perspektive beschrieben, tendiert seine Literatur zum sogenannten und aus gutem Grunde auch skeptisch beäugten "Allgemeinmenschlichen". Als Zuckerman in der "Anatomiestunde" unter seinen peinigenden Schmerzen der Halswirbelsäule Zuflucht zu George Herberts Gedicht "Der Kragen" nimmt ("I struck the board, and cried, ,No more! / I will abroad'"), stellt er Überlegungen zu einem Zusammenhang an, die zur Entstehungszeit des Buches unter dem Stichwort "Literatur als Therapie?" durchaus en vogue waren: "Das galt ja allgemein als eine Funktion großer Literatur: Leiden zu lindern mittels der Schilderung unseres gemeinsamen Schicksals."
Und dieses läuft – in the long run – bekanntlich aufs Gleiche hinaus. Mit unbeirrtem, aber weder kaltem noch mitleidlosem Blick fasst Roth die im Alter voranschreitende Reduktion ins Auge – und das oft besessen anmutende Aufbegehren dagegen. Am Ende sind wir "Jedermann"; sind wir so wie jeder – zu ergänzen wäre: wie jede – andere:
"Die Beherrschung der Blasenfunktion – welcher gesunde Mensch im Vollbesitz seiner Kräfte denkt je über die damit verbundene Freiheit nach oder über das Gefühl ängstlicher Verletzlichkeit, das der Verlust dieser Fähigkeit auch in den Selbstsichersten unter uns erzeugen kann? Ich, der ich nie über dergleichen nachgedacht hatte, der ich schon mit zwölf Jahren drauf aus gewesen war, meine Einzigartigkeit zu unterstreichen und alles Ungewöhnliche an mir willkommen geheißen hatte – ich konnte jetzt sein wie jeder andere. Als wäre der ständig drohende Schatten der Demütigung nicht in Wirklichkeit das, was einen mit allen anderen verbindet."
"Roth hat Linearität immer verachtet: Seine Romane sind geometrisch und polymorph nicht nur in ihrer Perversität", schreibt Sarah Churchwell in ihrer Besprechung von "Exit Ghost" im Guardian. Und in der Tat entwickelt auch Roths jüngster Roman beachtlichen Luftwiderstand gegen die erprobten Muster windschlüpfriger Plotdramaturgie. Er widerstrebt der kathartischen (Auf-)Lösung – und sei's die in der Katastrophe oder im Showdown. Einiges spricht dafür, dass Zuckerman in Kliman – die beiden haben immerhin die letzten drei Buchstaben ihrer Namen gemeinsam – auch einer jüngeren Version seiner selbst begegnet und dass seine Vorbehalte gegen den um 43 Jahre jüngeren "Konkurrenten", der offenbar der Liebhaber von Jamie war und – in Zuckermans Fantasie – noch immer ist, auch Ausdruck der Verbitterung über die eigene Hinfälligkeit sind.
Immer wieder wird der Roman von – zum Teil in hölzerner Wortwörtlichkeit übersetzten ("Ich habe sonst keine Interaktionen wie diese") – Dialogen zwischen einem ER und einer SIE unterbrochen. In ihnen arbeitet sich die Schriftstellerfantasie Zuckermans an der räudigen Realität ab – ergänzt, verändert, lässt weg. Zu guter Letzt aber, so lässt sich absehen, kann Literatur nur den Kürzeren ziehen: Ihr Potenzial an Tröstlichkeit ist endlich. Vielleicht liegt darin der mehrfach konstatierte, aber doch ziemlich kryptische Bezug des Titels auf den Abgang Shakespeare'scher Geister von der Bühne: Sie können die Lebenden instruieren oder erschrecken, in den Lauf der Welt selbst noch einzugreifen ist ihnen jedoch verwehrt.
Am Ende verschwindet Zuckerman geistergleich in der eigenen Regieanweisung. Ob er die Bühne je wieder betreten wird? Philip Roth verneint. Aber was heißt das schon? Die Macht der Lebenden über die Geister ist ebenfalls gering

Klaus Nüchtern in FALTER 6/2008



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