Die Dakini-Dialoge. Aufzeichnungen aus dem Himalaya

Peter Pessl


Peter Pessl, Jahrgang 1963, begann seine schriftstellerische Laufbahn in Graz als Lyriker und war hierorts als Lektor des gangan- Verlags tätig. In der Folge brachte er mehrere Prosabücher bei Droschl, im Fröhlichen Wohnzimmer und beim Ritter Verlag heraus, als kontinuierlicher Beiträger des ORF-Kunstradios zählt er zu den experimentierfreudigsten Radiokünstlern des Landes. In seinen Hörstücken versuchte Pessl wiederholt in Erfahrungszonen vorzudringen, die der menschlichen Sprache verschlossen bleiben; so versetzte sich der Autor auch einmal in einen schamanischen Trance-Zustand, um mit einer Pflanze zu kommunizieren. In Bereiche des Übersinnlichen führten Pessl auch zwei ausgedehnte Reisen, die er vor einigen Jahren nach Tibet, Nepal und in die nordindischen Gebiete Kulu, Spiti, Lahaul und Ladakh unternahm. Ihren Niederschlag finden die Expeditionen in drei Büchern, von denen bislang der Band "Die Dakini-Dialoge" im Druck vorliegt. "Das weiße Jahr", Teil zwei der "Aufzeichnungen aus dem Himalaya", wird diesen Herbst herauskommen. Der Titel "Die Dakini-Dialoge" verweist auf die Absicht des Autors, mit der von ihm bereisten Welt ins Zwiegespräch zu treten. "Dakini" bedeutet auf Sanskrit so viel wie "Himmelswandlerin" und bezeichnet ein Wesen, das als Gottheit oder als Geist, aber auch in menschlicher Gestalt als Myste auftreten kann. In Pessls Buch ist die Dakini reale oder fiktive Führerin und Interpretin des Religiösen und Dämonischen auf seiner Reise durch das Spiti-Tal, das noch in den Neunzigerjahren für Ausländer verschlossen war. Dort hielten sich bis heute ursprüngliche Formen des Buddhismus, animistische Spiritualität sowie archaische Rituale wie das "Steinbrechen" zum Austreiben von Dämonen, von dem auch in Pessls Buch erzählt wird. Als Reisebegleiter und Alter Ego wählt sich der Erzähler der Dakini-Dialoge eine Figur namens Pavese, die "in seinen tausend Bedenken und Befürchtungen" die abendländischen "Vorsichtsmaßnahmen des Denkens" repräsentiert. Wider die Skepsis des von ihm als seine "Kippfigur" bezeichneten Pavese öffnet sich der Erzähler gegenüber den fremden von Geistern bevölkerten Vorstellungswelten und vermag auch das Unvorstellbare anzunehmen. Nach Pessls Auffassung sei es "heute notwendig, in die Epoche vor der Aufklärung zurückzukehren und dabei gleichzeitig die Aufklärung und ihre Gedankenwelt zu überschreiten". Reisen bedeutet für den Autor Peter Pessl eine besondere Kunstform des Körpers und des Bewusstseins. Ebenso wie sich der Reisende der Naturgewalt des Himalaya-Gebiets aussetzt, lässt er sich in den Dakini-Dialogen auf die Welt der Götter, Geister und Dämonen aus hinduistischer, buddhistischer und schamanischer Mythologie sowie auf deren Rituale ein. Er schreibt jedoch darüber nicht in tradierten Formen der Reiseliteratur, was in der Einschätzung des Autors einer sprachlichen Einverleibung und Kolonialisierung der bereisten Kultur gleichkäme. Vielmehr entwickelt Pessl sein ästhetisches Programm aus der Erforschung des Fremden heraus, er macht sich selbst und seine Erzählerfigur durchlässig für die aus europäischer Sicht unbegreiflichen spirituellen Kontexte. Das Ergebnis ist ein durch und durch brüchiger Text: Außenwelt und Innenwelt gehen ineinander über, Wirklichkeit, Fiktion und Wahn werden miteinander vermengt, unterschiedliche Zeitebenen überlappen sich. Realitätsnahe Schilderungen werden durch rätselhafte Gespräche und hermetische Gedichte kontrastiert. Die Anmutung von Fremdheit, die das ganze Buch durchzieht, wird schließlich auch durch die Grammatik von Pessls "Reisesprache" suggeriert: Sätze reißen abrupt ab, die Rede zerfasert, die Perspektivierung wird vage gehalten. Andererseits enthält das Buch auch zahlreiche diskursive Passagen, in denen der Erzähler über den Umgang des europäischen Denkens mit der exotischen Spiritualität reflektiert. Mittels seiner avancierten Poetik der Anverwandlung gelingt es Pessl in den Dakini-Dialogen auf eindrucksvolle Weise gängige Bahnen der Zivilisationskritik zu verlassen, ohne hinter deren Errungenschaften zurückzufallen.

Paul Pechmann in FALTER 5/2008



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