Provinzen und Metropolen

Gerhard Trumler


Dichter mit Bildern

Trumler redet und redet. Trumler sitzt in einem Ohrensessel seiner Altbauwohnung nahe der Innenstadt, im Blick raumhohe Bücherregale, orchestrale Töne aus riesigen Boxen unterlegen das Selbstgespräch, ein Monolog wie ein Monsunschauer. Trumler, den man für Anfang sechzig halten könnte, der kürzlich aber siebzig wurde, spricht, unterbrochen nur vom Atemschnappen, über Karl May und Adalbert Stifter, Bruno Kreisky und Darth Vader; über seine Holzspielzeugsammlung und seine zwei Häuser im Waldviertel. Er sagt: "Ich fotografiere lieber Steine im Waldviertel, als in den ‚Seitenblicken' aufzutauchen." Er deklamiert: "Wo ich bin, ist oben. Auch wenn ich vielleicht nur ein kleines Oben bin. Das Kriterium für den Trumler ist der Trumler."
Der Trumler. Man kann den Fotografen Gerhard Trumler als Naturgewalt preisen und, zumindest nach drei Stunden intensiven Zuhörens, als Schnellsprudelsprecher beklagen. Wien und die Welt betrachtet er seit fünfzig Jahren durch den Sucher seiner Leica; gemeinsam mit Inge Morath, Franz Hubmann und Erich Lessing zählt er zu Österreichs Klassikern der Lichtbildkunst. Einerseits. Andererseits verkörpert Trumler die Antithese zum bestaunten Fotogroßmeister, der bloß seine künstlerische Erbmasse verwaltet. Im Bücherregal, mit viel Literatur und ein wenig Triviallesestoff gefüllt, ist eine Abteilung eigens für die Trumler-Arbeiten reserviert – eine gut drei Meter lange Buchrückenreihe, 151 Titel, von rechts nach links chronologisch geordnet, vom Erstling "Die Blutgasse" (1967) bis zur jüngst erschienenen Werkschau "Provinzen und Metropolen". Trumler, der anstelle von gewöhnlichen Augenbrauen zwei dichte Haarbüschel kultiviert, sitzt nicht als Fotoklassikerdarsteller in seinem Ohrensessel vor seinem Lebenswerk. "Ich bin ein hektischer Mensch, auf jeden Berg muss ich rauf, nach wie vor", sagt der Lärmhansel aus Leidenschaft, und er springt wiederholt auf und reißt einzelne Fotobände aus dem Buchregal. Einmal blättert er fahrig in einem Sammelwerk, "Fotografien 1970–2000", und er schlägt das Buch an jener Stelle auf, das zwei klobige Wasserhähne zeigt. "Mein Motto", deutet er auf das Schwarzweißfoto, eine mustergültige Trumler-Komposition, klar, übersichtlich, auf das Wesentliche reduziert, so eigenwillig wie konsequent. "Heiß oder kalt", sagt er. "Nie lauwarm."
Gerhard Trumler kam auf Umwegen zur Fotografie. Als Achtjähriger half er, die im Krieg zerbombte Wiener Familienwohnung, in der er heute noch lebt, herzurichten. 1958 wurde er Fahrdienstleiter bei den ÖBB, einige Jahre darauf Radarfluglotse in Schwechat. Damals besorgte sich Trumler auch seine erste gebrauchte Leica: Während einer Lotsenschulung in München organisierte er sich zwecks Geldsparmaßnahmen für den Kamerakauf einen 30-Liter-Kochtopf plus Kartoffeln und Zwiebeln und Karotten, und er lebte von selbstgemachter Suppe. Zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Abendessen: Gemüsebrühe, drei Monate lang. Die Geschichten, die er aus jener Zeit erzählt, beginnen oft mit "der Trumler", er spricht von sich selbst als Abenteuergestalt. Er sagt etwa: "Der Trumler hat auf einem Strohsack und Leintüchern geschlafen, in zugigen Baracken." Oder: "Der Trumler hatte immer den Schlapfen offen – aber man hörte ihm immer gern zu."
Die Fotografenkarriere begann sich Trumler erst mit Anfang dreißig aufzubauen; vielleicht erklärt das die unbedingte Arbeitswut, vielleicht ist der Kreativdrang auch nur die Arbeitsgrundhaltung des Marathonmanns. Von 1969 bis 1985 dokumentierte Trumler die Wahlreisen des damaligen Bundeskanzlers Bruno Kreisky, 33 Jahre lang arbeitete er als freier Fotograf für die Zentralsparkasse. Ab 1994 erschien eine Reihe radikal unzeitgemäßer Publikationen, durch die der Fotomann nachhaltig Bekanntheit erlangte – mit Arbeiten wie "Granit", "Katzensilber" und "Bergkristall", vom Stifter-Verehrer zusammengefasst zur Anthologie "Bunte Steine", schuf Trumler ein einprägsames Porträt des Waldviertels, von dessen Wäldern, Steinen und Einwohnern: Reportagefotografie ohne Verfallsdatum.
Elf neue Trumler-Bücher sind derzeit in Planung. Der Ursprung vieler Projekte liegt übrigens hier, in Trumlers geräumiger Wohnung mit Blick auf den Ringturm. Es kommt oft vor, erzählt er, dass er im Ohrensessel Platz nehme, verstumme und drauflosdenke. "Ich erarbeite mir meine Fotografie durchs Denken! Meine Frau rügt mich häufig: ‚Jetzt denkst schon wieder!'"
Seit geraumer Zeit schreibt er auch an einer Art Autobiografie; derzeit hält er bei 121 in kleiner Schrift verfassten DIN-A4-Seiten, in denen er Auskunft gibt über seine Vorlieben, seine Lieblingsbücher, seine bevorzugten Getränke, sein Leben. Mit einem bloßen Rückblick gibt sich Trumler dabei nicht zufrieden. In den mit "Der Bildpoet" überschriebenen Aufzeichnungen ist zu lesen: "2017: Ich bin achtzig Jahre alt. Eine Frau, zwei Kinder, zwei Häuser. Mehr als hundert Bäume, mehr als 150 Bücher und unzählige Lichtbilder."

Wolfgang Paterno in FALTER 5/2008



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