Good bye, Logo. Wie ich lernte, ohne Marken zu leben

Neil Boorman


Neil Boorman, Brite und Mitte dreißig, war bis zum vergangenen Jahr nicht nur angesehener Lifestyle- und Markenexperte, sondern auch Markenjunkie. Das teure Labelzeugs und dessen Anhäufung begründeten sein Selbstwertgefühl und lösten – nur für den Moment freilich – ein unerhörtes Glücksgefühl aus. Sein Bezug zu Adidas-Schuhen und Gucci-Hemden, zum symbolischen Mehrwert der Marke, war zwanghaft. Diesem Zustand setzt er in Form eines radikalen Selbstversuchs ein Ende: Er kündigte seinen Job und ging ein halbes Jahr auf "Markenentzug", nachdem er sein gesamtes Markenartikelinventar abfackelte. Die Tage bis zum großen "Feuer" rückwärts zählend, dokumentiert Boorman neben seinen persönlichen Entzugserscheinungen ganz generell die Schwierigkeiten, heute ohne Marken zu leben, Hose nur Hose oder Handy nur Handy sein zu lassen.
Boormans Bericht ist unterhaltsam, launig und ironisch, seine Markenkritik aber weit von einer generellen Kapitalismuskritik entfernt. Es wird zwar viel und intelligent über Prestigekonsum nachgedacht, aber relativ wenig darüber, wie ein vernünftiger und trotzdem lustvoller Konsum abseits des Markendiktats aussehen könnte. Die gekünstelte Radikalität von Boormans Experiment, in dem jedes Produkt, auf dem ein Label klebt, im Alltag als "böse" gemieden werden muss, generiert zwar einen netten Plot, verstellt aber letztlich auch eine differenzierte Betrachtung des Sujet.

Tina Thiel in FALTER 5/2008



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