Die andere Front. Fotografie und Propaganda im Ersten Weltkrieg

Anton Holzer


Licht an für die Feinde

Das Heeresgeschichtliche Museum (HGM) ist das einzige große Wiener Museum, das nicht nur den Sprung ins 21., sondern sogar den ins 20. Jahrhundert verpasst hat. Eigentlich müsste man es zusperren. Dabei ist das 1891 aus einem Waffenlager (dem Arsenal) geschälte k.u.k Museum doch erst am 24. Juni 1955 "ganz neu" eröffnet worden – wohl nicht ganz zufällig ein paar Wochen nach Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrags. Endlich war man wieder so frei, an die Waffentaten der eine Zeitlang verpönten Habsburger anzuknüpfen.
Heute liefert das HMG Munition für Waffennarren und ist mit seinen unkritischen Heldengeschichten heillos veraltet. Weil wir das kolossale Gebäude am Südbahnhof aber nicht so einfach verriegeln werden können, bauen wir die ständige Schau um und eröffnen das Museum mit "Die andere Seite des Krieges" neu. Die Feldherrnhalle, der prunkvolle Eingangsbereich des Museums, liegt nun vollständig im Dunkeln (nur die Kassa und der Boden ist beleuchtet). Abgedunkelt sind auch die in Stein gemeißelten Feldherrn, die die glorreichen Siege der k.u.k. Streitkräfte davongetragen haben. Nur ihre Füße sind beleuchtet. So wird mit einmal deutlich, dass die Stiefel dieser Heroen, die keiner je beachtet hat, auf den Hoheitszeichen der geschlagenen Türken stehen und auch schon mal einen abgeschlagenen Türkenkopf in den Boden treten.
Wir betreten die Hallen. Nichts hat sich verändert und doch ist alles anders. Wo früher die glorreiche Geschichte der Sieger erzählt wurde, reißt nur hin und wieder ein Lichtkegel einen Gegenstand aus der Schwärze: den Rest eines türkischen Prunkzeltes, erbeutet 1716 bei Peterwardein, ein paar türkische Säbel, Turbane, allesamt Beutestücke "unserer" Feldherrn. Die Sieger, die so lange im Licht standen, machen Platz für jene, die in der Kriegsgeschichte immer am Rande standen: die Feinde, die es "niederzuwerfen" gilt, die Frauen, die in die Rolle der Pflegerinnen gedrängt werden, die Zivilisten, die von "Kollateralschäden" betroffen sind.
Der österreichische Künstler Franz Kapfer hat vor einigen Jahren begonnen, die vergessenen türkischen Insignien, die unter den Stiefeln der k.u.k. Kommandanten hervorlugen, zu fotografieren. Dieses Sichtbarmachen wird nun fortgesetzt. Weitere Fotografen wurden eingeladen: Sie lenken den Blick auf die wenig beachteten Aspekte der heroischen Kriegsgeschichte. Aus dem Dunkel treten hervor: ein fröhlicher Kriegsinvalide, der für die "k.k. Arbeitsvermittlung für Kriegsinvaliden" im Ersten Weltkrieg wirbt; eine Rotkreuzschwester in Hans Temples Gemälde "Gottesdienst in Feldspital" (1915), eine der wenigen Frauen in diesem ausgedehnten Männerreich; ein lachendes Mädchen, das auf den Straßen Wiens Hitler zujubelt und vielleicht auch der Regenschirm des Prälaten Ignaz Seipel oder sein violetter Talar. Details (wieso gerade die?), Details, nur Details. Das reicht.

Anton Holzer in FALTER 4/2008



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