Sonderbare Museumsbesuche. von Goethe bis Gernhardt

Walter Grasskamp


Im Museum

Anfang 1938 betrat der Maler Han van Meegeren das Rotterdamer Boymans-Museum, um dessen sensationelle Neuerwerbung zu besichtigen – ein bis dahin unbekanntes Bild Jan Vermeers. "Es ist eine Fälschung", rief er in die erstaunte Menschenmenge. Pinselführung und Komposition seien von mangelhafter Qualität. Meegeren musste es wissen, hatte er das Bild, das er kurz zuvor um 5,2 Millionen Gulden an das Museum verkauft hatte, doch selber gemalt. In seinem Roman "Das Doppelleben des Vermeer" rekonstruiert der italienische Schriftsteller Luigi Guarnieri die Geschichte dieses berühmten Betrugs. Der Ausschnitt des Museumsbesuches fand in eine Auswahl des deutschen Kunsthistorikers Walter Grasskamp Eingang. Er kommentiert die nach Schlagworten geordneten Texte aus "Sonderbare Museumsbesuche" und vergleicht etwa van Meegeren mit Bernard Tuft, dem paradigmatischen Fälscher aus Patricia Highsmiths "Ripley Under Ground": Beide sind frustrierte Künstler, die mit Fälschungen die Kunstexperten übertölpeln. Der eigentliche Triumph des Fälschers
sei es aber, sich unerkannt in einer Besucherschlange vors eigene Werk zu stellen.
Grasskamp findet in Texten von Lars Gustafsson, Peter Weiss oder Ernst Jünger subtile Analysen dieser "Institution der Moderne schlechthin", wobei sich deren Interesse weniger auf das Kunstmuseum als auf die Naturgeschichte- und Völkerkundemuseen richtet, die Peter Sloterdijk einmal "Schulen des Befremdens" nannte. Grasskamp beobachtet auch Kinder, die sich von Schauräumen untergegangener Kulturen angezogen fühlen, weil sie darin ihre eigene Fremdheit gegenüber der Erwachsenenwelt wiedererkennen.
Der Band stammt von einem begeisterten Museumsbesucher, der den aktuellen Besucherandrang ebenso hinterfragt wie die Störanfälligkeit dieser scheinbar ewigen Institution. Langeweile, Grusel, kriminelle Fantasien sind typische museale Empfindungen, die sich bei Jörg Federspiel zu einem "Museum des Hasses" steigern. Illustriert ist das Buch mit Filmstills aus einer langen Liste von Spielfilmen, die auf das Nahverhältnis zwischen Kino und Museum, den "profanen Tempeln des Bilderglaubens", hindeuten.

Matthias Dusini in FALTER 4/2008



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