Kurt Wolff – Ein Literat und Gentleman

Barbara Weidle, Rolf Bulang, Christiane Clemm, Klara...


Passion für Bücher

Ein nicht mehr ganz junger Herr mit korrekt gezogenem Scheitel und hellem Poloshirt liegt, lässig auf seinen linken Ellbogen gestützt, am Strand und zieht genüsslich an einer Zigarre. Betrachtet man das Coverbild, bekommt der Untertitel dieses Buches über "Kurt Wolff" sogleich etwas Unausweichliches: "Ein Literat und Gentleman" – wie anders könnte es heißen? Eine beträchtliche Erbschaft, sein Charme und Charisma scheinen Wolff (1887–1963), den Spross einer Künstlerfamilie aus Bonn, regelrecht zum Verleger prädestiniert zu haben. "Ich war halt passioniert fürs Lesen, schon als Junge", gestand er in einem Interview.
In den Zehnerjahren machte der in Leipzig gegründete Kurt Wolff Verlag sich als Heimstätte der Expressionisten verdient. Einer von ihnen, Franz Werfel, besorgte das Lektorat. Mitten im Ersten Weltkrieg bescherte Meyrinks "Golem" dem Verlag seinen ersten Bestseller; 1918 folgte mit "Der Untertan" von Heinrich Mann ein zweiter. Seinem verlegerischen Credo ("Seismograf, nicht Seismologe sein"!) kam Wolff mit hartnäckiger Freundlichkeit nach. Dem verehrten Kraus widmete er sein eigenes "Séparée" (Verlag der Schriften von Karl Kraus), dem praktisch unverkäuflichen Kafka hielt er über dessen Tod hinaus die Treue. Wann immer der Verlag in Geldnot geriet, veräußerte er Teile seiner privaten Bibliothek.
Das Rückgrat des von Barbara Weidle in dem auf "Exilschicksale" (Curt Siodmak, Anna Mahler, Fred Wander et al) spezialisierten Verlag ihres Mannes herausgegebenen Bandes bilden vier große Essays, die eine Verlagsgeschichte im Überblick geben, Wolffs persönliche Affinität zu Prager deutschen Autoren und zu bildenden Künstlern beleuchten, sowie eine minutiöse Beschreibung der Flucht seiner Familie ins Exil. 1941 retten Kurt und Helene Wolff sich aus dem besetzten Frankreich nach New York. Dort gründen sie im Jahr darauf Pantheon Books und nehmen ihre Arbeit unverzüglich wieder auf. Realisiert wurde dieses rundum gelungene Buch im Kontext einer Ausstellung, die in Bonn und Frankfurt zu sehen war und nun, auf Einladung der Österreichischen Exilbibliothek, auch in Wien zu sehen ist⠨

Michael Omasta in FALTER 3/2008



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