Schlepping durch die Alpen. Ein etwas anderes Reisebuch

Sam Apple


Es hat seinen Reiz, plötzlich von außen zu sehen, was man sonst nur als Beteiligter und von innen her kennt. Österreich zum Beispiel. Wenn also ein amerikanisch-jüdischer Intellektueller nach Österreich reist, dort wochenlang einen steirischen Wanderschäfer samt Herde begleitet, dann nach Wien weiterzieht, um den hiesigen Antisemitismus zu studieren, und über all das ein "etwas anderes Reisebuch" verfasst, dann könnte das ein aufschlussreiches Projekt sein.
Ist es aber nicht. Sam Apple, 1975 in Houston geboren, hält Österreich für ein durch und durch antisemitisches Land. Dass sich der österreichische Antisemitismus aber nicht in jener Pogromstimmung äußert, die Apple vorzufinden glaubt, ignoriert er einfach. Und so läuft er mit Kippa durch Klagenfurt – das "Herz des Antisemitismus" – und erwartet ernsthaft, damit einen kleinen Aufstand oder zumindest eine aggressive Ausfälligkeit zu provozieren. Oder spekuliert über einen masturbierenden Judenhasser, der für die verdächtigen Flecken auf seinem Reiserucksack (mit Plakette der israelischen Fluglinie El Al!) verantwortlich sein soll. Oder er vermutet, seine Urlaubsaffäre sei nur mit ihm "ins Bett gegangen, um Abbitte zu leisten für das, was ihre Landsleute den Juden angetan haben".
Sam Apple schreibt Bücher, wie Michael Moore Filme macht: Die These steht, und es gilt, sie mit jedem noch so zurechtgebogenen Einzelfall zu bestätigen – auch beim Thema Antisemitismus.

Josef Gepp in FALTER 3/2008



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