Odyssee

Homer, Walter Burkert, Kurt Steinmann


Der Sauhirte ist göttlich

Die vertrackte Geschichte der Homer-Übersetzung ins Deutsche ist der Königsweg zum Verständnis der ebenso vertrackten Entwicklung der deutschen Dichtersprache. Die Auseinandersetzung um den Hexameter im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts war kein philologisches Luxusproblem, sondern rührte an die Fundamente der poetischen Produktion. Losgetreten hatte die Debatte um den Hexameter Klopstock mit seinem "Messias", um dessen revolutionäre Rolle in der Literaturgeschichte heute nur mehr Eingeweihte wissen. Mit dem deutschen Hexameter meinte man auch, das ästhetische Mittel an der Hand zu haben, um den antiken Epen, allen voran den homerischen, gerecht zu werden: Aber Klopstocks Hexameter entsprachen durchaus nicht den metrischen Standards, die man aus der antiken Verslehre hatte ableiten können.
Die Homer-Übersetzung wurde zum Tummelplatz der Generation, die den Sturm und Drang glücklich überwunden hatte und zur klassischen Form finden wollte: Neben anderen legten 1778 Friedrich Leopold Stolberg und Johann Jacob Bodmer Homer-Übersetzungen in Hexametern vor, schließlich aber war es Johann Heinrich Voß, der 1781 mit seiner "Odyssee"-Übersetzung ein philologisches und ästhetisches Niveau erreichte, an dem sich alle Übersetzungen der Folgezeit zu messen hatten. Aber Voß war mit seiner eigenen Übersetzung nicht zufrieden und ließ 1793 eine neue Fassung folgen, die sich noch stärker an die griechische Vorlage hielt, sodass das Deutsche so richtig fremd einherkam. Voß scheute verwegene Neologismen und ungewöhnliche Wortstellungen nicht. Hier wird eine Tendenz in der Übersetzung erkennbar, die 150 Jahre später Wolfgang Schadewaldt mit Bezug auf Sophokles prägnant formulierte: Es ginge nicht darum, den Sophokles ins Deutsche zu übertragen, sondern vielmehr das Deutsche in den Sophokles. Ohne die Gewalt, die Voß in dieser Übertragung dem Deutschen antat, wären allerdings die Pindar-Übertragungen Hölderlins nicht denkbar, die, lange verkannt, heute als beispielhaft für eine authentische Nähe zum Griechischen gelten. Voß' zweite "Odyssee"-Übertragung jedoch machte keine Fortune, und erst 1977 wurde sie von Günter Häntzschel als eine im positiven Sinne avantgardistische Leistung gewürdigt. Bis heute wird Voß' Übertragung von 1781 in den Neuauflagen der Vorzug gegeben.
Der Rang Homers war keineswegs unumstritten; vor allem in den romanischen Ländern galt er im Vergleich zu Vergil als ungeschlacht. Die Verse seien nicht mehr als Flickwerk, meinten manche Philologen. Von England kam ein neues Homer-Verständnis, das in ihm die unverbildete, von jedem Regelzwang freie Natur zu erblicken meinte: Es sei rohe wie edle Einfalt und durch keine Künstlichkeit verstellte Unmittelbarkeit.
Voß hingegen war durch das genaue Studium des Homer zum Ergebnis gekommen, dass darin sich Natur nicht unvermittelt ausspräche, sondern eine "bis zur höchsten Täuschung der Natürlichkeit ausschaffende Kunst". Es waren schließlich die Hexameter-Übersetzungen, die Homers Werke auch beim deutschen Publikum den Rang sicherten, den sie bis heute einnehmen. Voß wehrte sich auch entschieden gegen die Hypothese von Friedrich August Wolf, der 1795 "Ilias" und "Odyssee" als die Kompilation verschiedener Einzellieder erklärte. An "einem Homer! Einer Ilias! Einer Odyssee!" wollte er emphatisch festhalten, eine Kontroverse, die bis in unsere Tage noch nicht beigelegt ist. Doch regte sie die besten Köpfe unter den Philologen an, sich genauer um das vermeintlich Archaische und Rohe der homerischen Epen zu kümmern. Dass diese trotz mancher Unstimmigkeiten einem souverän komponierenden Schöpfer zu verdanken seien, ist mittlerweile die gutgegründete Überzeugung der Gelehrten, mag die eine oder andere Partie auch als ein späterer Zusatz verdächtigt werden.
Wer wie Kurt Steinmann eine neue Übersetzung der "Odyssee" riskiert, bekommt es nicht nur mit einem schwer übertragbaren Originaltext zu tun, sondern er tritt auch gegen eine Reihe hervorragender Vorgänger an, an denen er gemessen wird. Die Frage, ob sich der Urtext nicht am besten erschließe, wenn man auf das Korsett des Hexameters verzichtete, wurde schon des Öfteren aufgeworfen. Goethe befürwortete ein solches Unterfangen, und Wolfgang Schadewaldt hat 1958 mit einer Prosa-"Odyssee" den Markt beliefert, die für uns angehende Philologen nicht nur der beste "Schmierer" war, sondern in der Tat eine verlässliche Einführung in die Begriffswelt Homers: Das Metrum wurde dem Anspruch auf höchste Treue geopfert, ein Verzicht, der Schadewaldt offenkundig schmerzte, denn die "Ilias" hat er ein paar Jahre später in freien Jamben übertragen, ein Verfahren, das Ende des 18. Jahrhunderts Gottfried Bürger an einigen Bruchstücken desselben Werkes nicht ohne Erfolg erprobt hatte.

Für Kurt Steinmann, Jahrgang 1945, einen Schweizer Gymnasiallehrer, der seine Kapazität als Übersetzer mannigfach unter Beweis gestellt hatte, bleibt der Hexameter die unerlässliche Voraussetzung für jede Homer-Übersetzung, auch wenn ihm klar ist, dass er sich dadurch die Arbeit erschwert. Sich offenkundig bei jedem Vers der Verantwortung bewusst, die er als Philologe und als Nachdichter hat, ist er auf die Wahl der Wörter bedacht, weiß mit den prägnanten Wortbildungen und vielschichtigen Bildern der Vorlage so umzugehen, dass ihre poetische Kraft erhalten bleibt. Dem Hexameter hält er die Treue, auch wenn er es am Versanfang nicht so genau mit den Betonungen nimmt, Silben unterschiedlich gewichtet und manchmal auch Tonbeugungen verlangt. Doch schadet das der Lesbarkeit keineswegs; man sieht sich weder manierierten Wortschöpfungen noch koketten Archaismen ausgesetzt.
Mit Sorgfalt hat Steinmann Wort für Wort, Satz für Satz übertragen, und doch hat diese Mühe keine peinlich merkbaren Spuren im Textgelände hinterlassen – eine Leistung, die einerseits dem Original und andererseits auch unserem Sprachempfinden auf eine wohltuende Weise gerecht zu werden versucht. Steinmann hat die vielen Übersetzungen vor ihm im Ohr, sowohl Voß als auch Schadewaldt, dem er mitunter bis ins einzelne Wort hinein folgt – aber das gereicht seinem Unternehmen doch zum Vorteil. Er erhebt sich nicht über seine Vorgänger, und gerade dadurch erhält seine solide Arbeit ihre Konturen.
Natürlich kann man über das eine oder andere Wort streiten. So gleich im ersten Vers, wenn das berühmte "polytropon" mit "wandlungsreichen" statt mit "vielgewandten" (Schadewaldt) oder "vielgewanderten"(Voß) wiedergegeben wird. Und gar so gut riecht das Wort "Bratduft" auch nicht, aber solch Fehltritte sind selten. Der "dios hyphorbos" Eumaios hat sein Attribut behalten, das es bei Schadewaldt hat: Er ist der "göttliche Sauhirt". Und so soll es bleiben, denn Achtung gilt in der "Odyssee" Menschen unabhängig von ihrem Stande. Die "geflügelten Worte", die Voß in die Welt setzte, sind nun der Wortbedeutung von "pteroeis" entsprechend, zu den "befiederten Worten" geworden, womit der Vergleich mit den Pfeilen intakt bleibt. So habe ich es allerdings schon 1961 im Proseminar gelernt.
Die Vielschichtigkeit und Qualitäten der "Odyssee" erschließen sich in dieser Übersetzung gerade dadurch, dass Steinmann auf die Feinheiten der einzelnen Konjunktionen und die subtilen Variationen in den vielen als formelhaft geltenden Versen geachtet hat. Das unprätentiöse Nachwort des Zürcher Altphilologen Walter Burkert führt in die Besonderheiten des Werkes ein. Ein Buch also, das man ohne Einschränkungen empfehlen möchte – doch steht dem einmal das für Manesse-Bücher völlig unübliche Format entgegen, eben nicht die dezente Erscheinungsform, die der Weltliteratur eine Heimstätte in der Rocktasche bietet. Wir haben es mit einem unhandlichen Folianten (29,5 cm mal 19,5 cm) zu tun, der weniger für die Lektüre als für die pompöse Repräsentation bestimmt zu sein scheint. Dazu gibt es 16 Illustrationen, die auf der Flucht vor dem Verdacht eines sterilen Neoklassizismus den Startschuss für einen verhuschten Neoexpressionismus oder die Neue Scheußlichkeit schlechthin geben könnten. Nicht hinschauen!

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 3/2008



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