Krieg und Frieden


Menschlich statt modern

Nein, man muss Leo Tolstois gewaltigen Roman nicht gelesen haben, um zu ahnen, dass Robert Dornhelms TV-Verfilmung ein ziemlicher Topfen ist. Es reicht, wenn man hin und wieder ins Kino geht oder im Fernsehen nicht immer bloß den Wetterbericht sieht. "Mit Kino hat es gar nichts zu tun, es ist nicht mal Fernsehen", urteilte das Deutschlandradio harsch, während das traditionelle Feuilleton über den 26 Millionen teuren, 400 Minuten langen und 1500 Pferde starken Vierteiler ein erstaunlich gnädiges Urteil fällte – sei's aus echter Ahnungslosigkeit, sei's aus Unlust, wieder mal als ewig besserwisserischer Bildungsbürger dazustehen, der den Hartz-IV-Massen in die Suppe des Hauptabendprogramms spuckt (diese Rolle wurde diesmal von der Bild Zeitung übernommen, die darauf hinwies, dass Chopin-Stücke hier bereits fünf Jahre vor der Geburt des Komponisten erklingen).
Die Welt estimierte Dornhelms vom Irakkrieg inspirierte antimartialische Lesart (die sich von Tolstois Roman jetzt wodurch genau unterschiede?); die Süddeutsche hatte "das beste öffentlich-rechtliche Melodram seit Jahren" gesehen; und die FAZ sah Respekt schon deswegen angebracht, "weil man sich zunehmend weniger fragt, weshalb man heute einen solchen Romanriesen überhaupt noch einmal verfilmen sollte". Einzig Helmut Höge von der taz hatte nicht nur den Roman gelesen, sondern auch seine Tassen im Schrank und seine Augen im Kopf behalten und zog sichtlich enragiert über die "TV-Verbumfiedelung" her.
Die Hypothese, dass in Tolstois 1868/69 erschienenem Historien- und Familienmelodram die ganze Film- und Fernsehästhetik zwischen Herz-Schmerz-Drama und Schlachtenpanorama grundgelegt sei, klingt plausibel und könnte doch irriger nicht sein. Wer "Krieg und Frieden" als großen Stoff der Weltliteratur behandelt und auf die Fabel von Liebe und Tod, Intrige, Gier und Ruhmsucht eindampft, verfehlt den ästhetischen Gehalt des Romans mit Sicherheit. Dass eine Verfilmung, der ziemlich genau eine Minute für fünf Seiten zur Verfügung steht, verkürzen muss, versteht sich von selbst. Aber man müsste es nicht gar so bieder und blöd angehen wie Dornhelm. Die halb durch die Passivität des Protagonisten, halb durch die Intrige des künftigen Schwiegervaters herbeigeführte Hochzeit zwischen Pierre Besuchow und Hélène Kuragin ereignet sich im Roman auf Seite 366. In der TV-Verfilmung indes wird sie innerhalb der ersten zehn Minuten durchgepeitscht; so, als hätte der Regisseur Angst davor, sein Publikum könnte mit einer Exposition, die – wie bei Tolstoi – erst einmal die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe entwickelt, überfordert und außerstande sein, die ohnedies nicht rasend komplizierte Personenkonstellation zu durchschauen.
An den Kuragins lässt sich denn die systematische Banalisierung der Romanvorlage auch exemplarisch verdeutlichen: Die sind zwar auch bei Tolstoi keine Guten, aber noch lange nicht jene Karikatur vorsätzlicher Bösartigkeit, zu der sie bei Dornhelm verkommen. Der Vater wird als Typus des instinktiven Opportunisten vorgeführt, und seine Kinder, Anatol und Hélène, sind weit entfernt von jener malignen Komplizenschaft, die ihnen die Verfilmung ohne Not andichtet. Weder der (vorgetäuschte) Selbstmord Anatols noch der versuchte Suizid Nataschas hat im Roman eine Entsprechung. Dasselbe gilt für die Szene, in der Andrej Bolkonski von Anatol Kuragin Satisfaktion fordert, was von diesem mit einem lässigen "Wozu?" quittiert wird. Ebenso krass gegen jedwede historische Authentizität verstoßen auch jene Dialoge, in denen sich die Figuren zwischen pilchereskem Beziehungsgequatsche ("Da war eine Intimität zwischen uns") und schlechter Rückübersetzung aus dem Englischen ("Jetzt weiß ich auch, wie Nächstenliebe sich anfühlt") um Kopf und Stehkragen reden.

Wo man bei Tolstoi einen – gerade in seiner Disparität – aufregend modernen, zwischen multiperspektivischen Innensichten, auktorialen Kommentaren, traumhaften Tableaux und exzessiven Exkursen changierenden Roman findet, stößt man im Fernsehen nur auf den ewiggleichen ewigmenschlichen Kitsch. Wo der Roman ein breites Spektrum zwischen Sarkasmus und Pathos nutzt und sich auch die Freiheit nimmt, seinen Figuren ganz unterschiedliche Dichte und Tiefe zukommen zu lassen, wird bei Dornhelm alles auf den gleichen TV-Realismus eingekocht. Wo der betont antiheroische und antiklimaktische Roman Figuren sang- und klanglos entlässt, Spannungsbögen unterbricht oder abbricht, da crescendiert die Verfilmung hilf- und witzlos vor sich hin.
Gespannt darf man aufs Finale sein. Die 150 Seiten des geschichtsphilosophischen Epilogs hat noch niemand verfilmt, fragt sich also bloß, ob Natascha mit apotheotischem Glockengebimmel in die Ehe entlassen wird oder – romangetreu – ihre Bestimmung im geschlechterpolitisch ebenso problematischen wie sympathisch unheroischen Gleichklang von Mutterschaft und Verfettung findet.

Klaus Nüchtern in FALTER 3/2008



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