Milchblume

Thomas Sautner


Irgendwann, mittendrin, klappt man das Buch zu und weiß nicht so recht, was man davon halten soll. Einerseits gibt es feingearbeitete Landschaftsbeschreibungen, inhaltlich originelle Einfälle und Situationen. Andererseits ist man ziemlich irritiert von der arg romantischen, nicht selten kitschig-esoterischen Art und Weise, auf die hier erzählt wird. Dann schlägt man Thomas Sautners – nach "Fuchserde" – zweiten Roman wieder auf und hofft, dass sich die vom Ansatz her gute Geschichte wieder auf ihre Stärken besinnt. Aber leider wird die "Milchblume" von Seite zu Seite immer welker.
Erzählt wird auf archaische Weise von Kindheit, Jugend und Erwachsenwerden eines Burschen namens Jakob, der seit jeher als Dorftrottel gilt und auf den niemand hört. Er muss sich als Bauernknecht verdingen, Unsinn treiben, Menschen und Tiere retten, von feisten Bäuerinnen befummeln lassen, sich verlieben, mit weißen Zigeunern anfreunden, mit denen ihn das sehr offenkundig-düstere Geheimnis seiner Herkunft verbindet. Das größte Problem des Autors: Er hat viel zu erzählen, findet dafür aber keine adäquate Sprache. Altklug und lebensratgeberhaft kommentiert der Roman sich und seinen Protagonisten in ganzen Absätzen selbst. Der Text macht mit seiner allzu schlichten Sentimentalität und seinem Hang zum Kitsch die eigenen Stärken zunichte. Sehr schade um den herrlich zeitgeistlosen und derben Stoff, der viel Potenzial gehabt hätte.

Martin Becker in FALTER 1-2/2008



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