Georg Cantor. Der Jahrhundertmathematiker und die Entdeckng des...

David Foster Wallace, Thorsten Schmidt, Helmut Reuter


Unendliche Weiten

Wo es auftaucht, macht es nichts als Scherereien. Und am besten fährt man, wenn man es schlicht und einfach ignoriert. Das ist kurz zusammengefasst das Verhältnis, das die Mathematiker seit den alten Griechen zum Unendlichen unterhielten. Bis es sich im 19. Jahrhundert dann einfach nicht mehr ignorieren ließ, wenn man die Mathematik auf handfeste Grundlagen stellen wollte. Der deutsche Mathematiker Georg Cantor nahm sich der Sache an und wird heute – neunzig Jahre nach seinem Tod am 6. Jänner 1918 – als Schöpfer der Mengenlehre gefeiert.
Ganz so einfach war es natürlich nicht. In seinem Buch "Georg Cantor – Der Jahrhundertmathematiker und die Entdeckung des Unendlichen" beschreibt der US-Schriftsteller und studierte Philosoph David Foster Wallace das rund zwei Jahrtausende währende Ringen der Mathematiker um ihr Lieblingstrauma inklusive ihrer Ver(w)irrungen sowie
die Helden der Unendlichkeitsbezwingung, deren es neben Cantor noch mehrere gab.
Das Ergebnis ist eine Tour de Force durch die Geschichte des Unendlichen, die der "wahren Mathematik" wohl näherkommt als die meisten anderen populärwissenschaftlichen Bücher zu vergleichbaren Themen. Mit allen Vor- und Nachteilen. Wallace macht klar, dass es keine Schande ist, mit dem Stoff Probleme zu haben; er verbündet sich mit dem Leser, indem er sich selbst als mathematischen Laien ausweist, abfällige Bemerkungen über die Abstraktion macht und über deren Zusammenhang mit Geisteskrankheit nachsinnt.
Leider ist Abstraktion nicht nur eine Sache von zu viel an Formeln. Locker und beiläufig hantiert Wallace mit den schwierigsten Begriffen. Und so entsteht bisweilen der Verdacht, dass er es vorzieht, den versierten Mathematiker herauszuhängen, als dem Leser einen schwierigen Stoff verständlich zu machen. Durch sein High-Speed-Erzähltempo, seinen exzessiven Hang zu Fußnoten und die immer wiederkehrenden Rückbezüge auf frühere Kapitel, die jedoch ohne Seitenangaben und ein entsprechend elaboriertes Inhaltsverzeichnis nur schwer zu finden sind, ist das Buch letzendlich doch schwieriger zu lesen als so manches Hardcore-Mathebuch.

Martina Gröschl in FALTER 1-2/2008



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×