Simone de Beauvoir. Weggefährtinnen im Gespräch

Alice Schwarzer


Mann und Frau zugleich

Als Pionierin der Frauenbewegung nimmt Simone de Beauvoir einen zentralen Platz in der Geschichte des Feminismus ein. Die Einschätzung der Lebensgefährtin Jean-Paul Sartres als Schriftstellerin und Philosophin unterliegt einer wechselhaften Rezeptionsgeschichte und oszilliert zwischen "Grande Sartreuse" oder "Notre Dame de Sartre" im Schatten des großen Philosophen einerseits und verkannter Ideengeberin und eigentlicher Schöpferin des französischen Existenzialismus andererseits, den Sartre plagiiert habe (wie es das englische Philosophenpaar Kate und Edward Fullbrook anhand von Tagebüchern und Briefen zu belegen versuchte).
"Mein wichtigstes Werk ist mein Leben" lautete hingegen Beauvoirs Selbsteinschätzung. Mit existenzialistischem Gestus hat sie ihr Leben entworfen und sich die Freiheit eines Mannes genommen, um "beides zu sein, Frau und Mann zugleich" (Alice Schwarzer). Als eine der Ersten beanspruchte sie, was für die Frauengeneration der Gegenwart inzwischen selbstverständlich geworden ist: das Recht auf eine berufliche Existenz, ökonomische Unabhängigkeit; die Möglichkeit, die klassische Rolle einer Hausfrau und Mutter zurückzuweisen und ihre Stimme in der Öffentlichkeit zu erheben.
Die am 9. Jänner 1908 in Paris geborene Tochter aus gutem Hause stammte aus einer verarmten großbürgerlichen Familie. Die Herkunft ohne Mitgift "erlaubte" ihr einen Brotberuf, als eine der Besten schloss sie das Philosophiestudium an der École Normale Supérieure ab und verdiente ihr Geld als Lehrerin bis zu ihrer Suspendierung durch das Vichy-Regime. Als Außenseiterin innerhalb der eigenen sozialen Schicht konnte sie sich aber vor allem den Luxus des kritischen Blicks auf das Frauenbild ihrer Zeit gestatten. Auch Jean-Paul Sartre war von Beauvoirs Intellekt fasziniert. Simone de Beauvoir ihrerseits bezeichnete die Begegnung, aus der ein schicksalhafter Pakt der "osmotischen" Arbeitsgemeinschaft und der freien Liebe wurde, als das "herausragende Erlebnis" ihres Lebens. Nicht der sinnliche Aspekt ihrer Beziehung, sondern der "geistige Orgasmus" verführte sie dazu, ihr Leben dauerhaft an das des wenig attraktiven Mannes zu binden.
Sie habe sich den Männern immer ebenbürtig gefühlt, betonte die Beauvoir, auch wenn sie einräumte, "privilegiert" zu sein, da sie als berufstätige Frau der dienenden Rolle entkommen war. Aber auch ihr war zu Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere in der Auseinandersetzung mit ihrem Verleger die Erfahrung nicht erspart geblieben, als Frau nicht dieselben Gedanken ausdrücken zu dürfen wie ein Mann. Die symbiotische Arbeitsgemeinschaft mit einem Mann wie Sartre ermöglichte ihr also auch optimale Bedingungen für die eigene geistige Existenz. Das antibourgeoise Modell der freien Liebe mit Sartre, den sie ihr Leben lang siezte und mit dem sie niemals eine Wohnung teilte, hatte allerdings seinen Preis. Sie entschied sich nicht für ihre große Liebe, den amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren, mit dem sie zum ersten Mal die Bedeutung von Leidenschaft erfuhr, musste ihrerseits aber hinnehmen, dass Sartre seine Geliebte Arlette Elkaim adoptierte, die später seinen Nachlass verwalten würde. Es war der Beginn einer dauerhaften Abhängigkeit von Alkohol, die die Beauvoir auf tragische Weise mit Sartre bis in den Tod verband: Fast auf den Tag genau sechs Jahre nach ihm starb sie am 14. April 1986 und wie er an den Folgen einer Leberzirrhose.
Simone de Beauvoir hat Tausende von Seiten hinterlassen, darunter vier Memoirenbände, Essays, Romane – "Die Mandarins von Paris" (1954) sind eine eindrucksvolle Chronik des politischen und intellektuellen Lebens im Nachkriegsfrankreich und wurden mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet – und Erzählungen von unterschiedlicher Qualität. So mancher dieser Prosatexte wirkt konstruiert und zeitgebunden. Die beiden umfangreichen Essaybände "Das andere Geschlecht" (1949) und "Das Alter" (1970) behandeln mit kulturwissenschaftlichem und persönlichem Blick ungeheuer materialreich die beiden zentralen Lebensthemen der Beauvoir, die sich wie ein roter Faden auch durch ihr erzählerisches Werk ziehen: Was bedeutet es, eine Frau zu sein? Und was heißt es, sterblich zu sein?
Nicht nur mit dem Klassiker der feministischen Literatur, auch mit dem "Alter" hat Beauvoir einen neuen Diskurs eröffnet und ein Standardwerk verfasst, das angesichts der gegenwärtigen Apparate- und Präventivmedizin gerade heute von hoher Aktualität ist. "Das ist der Grund, weshalb ich dieses Buch schreibe: um die Verschwörung des Schweigens zu brechen. Gegenüber den alten Menschen ist die Konsumgesellschaft nicht nur schuldig, sondern kriminell. Verschanzt hinter den Mythen des Wirtschaftswachstums und des Überflusses behandelt sie die Alten wie Parias."
Interessant ist die Auseinandersetzung mit Simone de Beauvoir vor allem auch durch die enge Verflechtung von Werk und Biografie. Die intellektuelle Auseinandersetzung mit der (eigenen) weiblichen Identität ist ein Prozess, der aus der Negation heraus entsteht und ein Leben lang andauert: Erst um die Mitte ihres Lebens begreift sie ihre Rolle als Frau als die einer "anderen" und analysiert sie im "Anderen Geschlecht"; erst gegen Ende ihres Leben engagiert sie sich aktiv in der Frauenbewegung. In gleicher Weise verarbeitete sie die eigene Erfahrung des Alterns und die Begegnung mit dem Tod anderer: Die Erzählung "Ein sanfter Tod" (1964), in der sie den Leidensweg ihrer krebskranken Mutter protokolliert, zählt zum Besten, was sie geschrieben hat.

Anders als Sartre, dessen Ideen und Vorstellungen sein Erleben prägten und der das Leben an der Theorie überprüfte, setzte sich Simone de Beauvoir ihren Eindrücken aus, erlebte und durchlitt, um anschließend im Schreiben verarbeitend zu verstehen. Ob darin ein "genuin weiblicher" Zugang zur Welt liegt, sei dahingestellt. Beauvoir selbst war jedenfalls eine entschiedene Kritikerin des Differenzfeminismus und lehnte die Vorstellung vom grundsätzlich unterschiedlichen Wesen der Geschlechter als "finsteren Biologismus" ab. Ihre Position entwickelte sie analog zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die sie vorfand, und hat damit einen großen Schritt über ihre Zeit hinaus getan, um der Frau als handelndes Subjekt in der Welt der Männer den gleichen Platz zu verschaffen. Diese Position neu zu überdenken und den Begriff der "Gleichwertigkeit" (anstelle dem der "Gleichheit") ebenso mutig und radikal zu verhandeln wie die Beauvoir könnte das Projekt jüngerer Frauengenerationen sein.

Gudrun Braunsperger in FALTER 1-2/2008



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