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Michael Walk


Endlich daheim

Die Wohnung hat alles, was man braucht: ein großes Bett, einen Tisch mit vier Sesseln, mehrere Kästen und Regale, eine Kochnische, Dusche und WC. Auf 34 Quadratmetern. Das klingt eng und ungemütlich, ist es aber nicht. Die Fenster lassen viel Licht herein, die kleine Terrasse macht Lust auf Sommer. "Dann bring ich einen Griller und Würstel mit", sagt Neunerhaus-Geschäftsführer Markus Reiter zu dem Paar, das hier im neuerrichteten Neunerhaus in der Kudlichgasse einen von sechzig Plätzen bewohnt.
Erika und Sigi haben sich ein neues Zuhause geschaffen, viel Persönliches auf wenig Platz untergebracht. Sigis selbstgemachte Kratzbilder hängen neben einer silbernen Wanduhr, deren Pendel lautlos hin- und herschwingt. Rot, Erikas Lieblingsfarbe, lässt alles weihnachtlich erscheinen. Das rote Bettzeug und der knallrote Duschvorhang werden aber auch nach dem Fest bleiben.
Offensichtlich haben die beiden eine Heimat auf Dauer gefunden. So ist das auch gedacht. Das bereits dritte Wohnhaus des Vereins Neunerhaus ist speziell für wohnungslose Menschen, die aufgrund ihrer Gesamtsituation nicht mehr vermittelbar sind – weder auf dem Arbeitsmarkt noch auf dem Wohnungsmarkt. Sie sollen in der Kudlichgasse in Favoriten einen Dauerwohnplatz haben. "Sozialarbeiterinnen und Betreuer kümmern sich vor allem darum, die vorhandenen Fähigkeiten der Bewohnerinnen und Bewohner zu erhalten", erklärt Hausleiter Burkhard Mayr. Je nach Bedarf werden auch alltägliche Dinge wie Wäschewaschen und Putzen übernommen. Ein Teil der neuen Bewohner kommt aus Pflegeheimen, wo Menschen ohne Wohnung nach einem Krankenhausaufenthalt oft landen, weil sie einfach keine Adresse haben, wo man eine Hauskrankenpflege hinschicken könnte.
In allen drei Neunerhaus-Projekten gilt der Grundsatz, niemandem vorzuschreiben, dass er sich in eine bestimmte Richtung entwickeln muss. "Wir wollen die Leute dabei unterstützen, dass sie wieder selber entscheiden, wo ihr Weg sie hinführt", sagt Markus Reiter, der den Hilfsverein vor sieben Jahren mitgegründet hat.
Erika und Sigi führte der Weg aufs Standesamt. Sie haben sich im ersten Neunerhaus in der Hagenmüllergasse als Nachbarn kennen gelernt. "Dann hat er mir keine Ruhe mehr gelassen", sagt Erika und lacht. Im März 2004 wurde geheiratet. Trauzeuge war der Heimleiter. Ihr Umzug in das neue, barrierefreie Haus in der Kudlichgasse hatte vor allem gesundheitliche Gründe: Sigi brauchte wegen seinem kaputten Knie zuletzt ein Jahr den Rollstuhl, geht jetzt auf Krücken. Das jahrelange schwere Hacklerleben in diversen Speditionen hat Spuren hinterlassen: gebrochene Rückenwirbel, mehrere Operationen am Knie. Sigi ist 56 und seit vier Jahren in Pension. Als er noch arbeiten konnte, lebte er in einer Gemeindewohnung – bis zur Delogierung. Er übernachtete monatsweise bei Freunden, dazwischen schlief er einfach im Park. 2001 zog er dann in das gerade eröffnete Neunerhaus in der Hagenmüllergasse. Sigi und Erika leben heute von insgesamt 1300 Euro Pension und Pflegegeld, wovon knapp 300 Euro für die neue Wohnung weggehen.
Erika ist 57 Jahre alt. Nachdem ihr Mann an Lungenkrebs gestorben war und sie aus der Wohnung rausmusste, lebte sie eine Zeitlang im Haus Miriam, einem Übergangswohnheim der Caritas für Frauen. Wohl fühlte sie sich dort aber nicht. "Wir mussten um elf Uhr abends daheim sein, wer zu spät kam, wurde vom Portier aufgeschrieben", erzählt sie. Zu viel Kontrolle. Auch deshalb ging das Neunerhaus-Team Anfang 2000 andere Wege. Eine Bürgerinitiative rund um den Franz-Josefs-Bahnhof im neunten Bezirk überlegte gemeinsam mit Betroffenen, wie ein Obdachlosenhaus sein sollte – jedenfalls ohne Haustier- und Alkoholverbot, wie es in den meisten städtischen Heimen üblich ist. Weil man am Alsergrund kein Haus fand, wurde das erste Neunerhaus in der Hagenmüllergasse im dritten Bezirk bezogen. Die überparteiliche Initiative wurde stark von den Grünen unterstützt, die eine Teilfinanzierung im Gemeinderat durchsetzen konnten. Mittlerweile werden die Häuser durchschnittlich zur Hälfte von der Stadt finanziert, etwa ein Drittel durch die Mieten der Bewohner und der Rest wird durch Spenden und Sponsoring vom Verein selbst aufgetrieben.

Der Fonds Soziales Wien plane fürs Frühjahr 2008 eine Umstellung im Finanzierungssystem, berichtet Geschäftsführer Markus Reiter. Nicht mehr die Häuser, sondern die einzelnen Wohnplätze sollen künftig gefördert werden. Das kürzlich geschaffene Beratungszentrum der Stadt Wien für Wohnungslose wird die Zuteilung der Obdachlosen in ein geeignetes Haus übernehmen. Dazu werde die Lage der Betroffenen in einem dreiviertelstündigen Clearing-Gespräch beurteilt und eine Prognose erstellt. Reiters Skepsis ist groß: "Die Stadt entscheidet, wer förderungswürdig ist." Geschäftsführer und Hausleiter wollen die Entwicklung genau beobachten. Sie befürchten, dass das neue System ihre Philosophie untergraben könnte, etwa auch Menschen aufzunehmen, die durch das Sozialsystem fallen, oder bevorzugt Frauen, deren Obdachlosigkeit weniger sichtbar ist. "Diese Freiheit nimmt uns die Stadt weg", kritisiert Reiter. "Zum Glück ist noch niemand auf die Idee gekommen, uns eine Erfolgsprämie zu zahlen, wenn wir jemanden weitervermitteln."
Erfolge kann der Verein auf anderen Gebieten vorweisen: Das vor knapp zwei Jahren gestartete Projekt Neunerhaus-Arzt wird heuer mit dem Gesundheitspreis der Stadt Wien ausgezeichnet. Sechs Ärztinnen und Ärzte kommen mehrmals in der Woche in die Obdachlosenhäuser und nehmen sich viel Zeit, um das Vertrauen jener Menschen zu gewinnen, die das Gesundheitssystem nicht mehr erreicht. Auch die Pläne für eine eigene Zahnarztpraxis sind fertig, es fehlt nur noch die Finanzierung.
Kranken Menschen ein Zuhause zu geben und sie so zu stabilisieren – das soll auch im neuen Haus in der Kudlichgasse gelingen. Die Bewohner selbst werden in den nächsten Monaten mithelfen, das Haus nach ihren Bedürfnissen fertig einzurichten.
Aschenbecher dürfen dabei nicht fehlen, sagt Neubewohnerin Erika. Aber das solle man jetzt, bitteschön, nicht der Ärztin verraten.

Gabi Horak in FALTER 51-52/2007



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