Es muss was geben. Die Anfänge der alternativen Musikszene in Linz

Andreas Kump


Stahlstadtkinder

Ende der Achtzigerjahre trafen sich 35 Linzer Musikerinnen und Musiker in einem Aufnahmestudio, um den lokalen Gassenhauer "Linza Buama" gleichsam großmäulig wie humorvoll neu zu deuten. "Linza Buama sama, loss ma uns nix sogn/sime, ochte, neine homa scho daschlogn", singen sie zu Ziehharmonika- und E-Gitarren-Begleitung. "Holaria, holaro, d' Linza Buam san do." Wer genau bei dieser Aufnahme beteiligt war, ist nicht überliefert; vermutlich kommt aber der Großteil davon im neuen Buch von Andreas Kump zu Wort.
Der in Wien lebende Linzer Musiker – er ist Sänger und Gitarrist der Gruppe Shy – zeichnet in "Es muss was geben" die Entwicklung des alternativen stahlstädtischen Musikgeschehens zwischen den mittleren Siebzigern und den beginnenden Neunzigern nach, wobei die Protagonisten ohne kommentierende Eingriffe des Autors selbst zu Wort kommen. Das erste ausführliche Gespräch für das Buch fand 1999 statt, über fünfzig weitere sollten folgen. Im Zusammenschnitt ergibt das ein umfangreiches Stück Linzer Kulturgeschichte, die ihren Reiz aber auch ohne Bezug zur lokalen Szene mit Orten wie dem Café Landgraf, der Kapu und der Stadtwerkstatt und Bands wie Willi Warma, Target Of Demand und den Fuckhead-Vorgängern Dead Souls entfaltet. Das Buch erzählt von der mehr oder weniger ungelenken, aber eigenständigen und vitalen oberösterreichischen Aneignung der New-Wave-Kultur, deren Übergang in die Hardcore-Punk-Szene der späteren Achtziger und die anschließende Stilpluralisierung, die bis heute bekannte Bands wie Attwenger, Texta und Wipe Out hervorgebracht hat.
Neben Musikern, Journalisten und Veranstaltern kommen auch konsumierende Zeitzeugen wie die Schauspielerin Sophie Rois zu Wort, wobei individuelle Erinnerungen zu einer kollektiven Biografie verschmelzen. Über all die mehr oder weniger aufregenden Erinnerungen der Linza Buama beiderlei Geschlechts hinaus fängt "Es muss was geben" die Geschichte der Generation vor Nirvana ein, der letzten Generation also, die ihr subkulturelles Leben noch relativ frei von medialen Vorbildern und Normen gestalten musste – und vor allem auch gestalten konnte.

Gerhard Stöger in FALTER 51-52/2007



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