Die Seelen der Schwarzen

W.E.B. Du Bois, Jürgen Meyer-Wendt


Nach hundert Jahren auf Deutsch erhältlich: die grandiose Studie "Die Seelen der Schwarzen" des afroamerikanischen Soziologen W.E.B. Du Bois.

Nicht zu Unrecht bescheinigt sich der 2001 gegründete Verlag orange-press einen gewissen "Hang zur Retroavantgarde": Tatsächlich gehört die Neuauflage bahnbrechender Texte zu den offensichtlichen Zielen des rührigen Kleinverlags aus Freiburg im Breisgau. Zwei Bücher des US-Musikkritikers Nelson B. George über HipHop und R&B und die überarbeitete Neuauflage von Amiri Barakas Klassiker "Blues People" bildeten einen ersten Schwerpunkt zu afroamerikanischer Kultur, der nun durch einen Klassiker weiter vertieft wird: Mit dem vor 101 Jahren veröffentlichten Buch "Die Seelen der Schwarzen" von W.E.B. Du Bois wurde ein Werk, das seinerzeit schon Max Weber lobte, endlich ins Deutsche übersetzt.

"Nach den Ägyptern und Indern, den Griechen und Römern, den Teutonen und Mongolen ist der Neger eine Art siebenter Sohn, geboren mit einem Schleier und einer besonderen Gabe - dem zweiten Gesicht - in diese amerikanische Welt, eine Welt, die ihm kein wahres Selbstbewusstsein zugesteht und in der er sich selbst nur durch die Offenbarung der anderen Welt erkennen kann." Mit diesen Worten beschrieb der 35-jährige W.E.B. Du Bois in seinem eindringlichen Essay "Über unsere Anstrengungen" das gespaltene Bewusstsein seines Volkes. Der Text wurde zusammen mit elf anderen in dem Buch "The Souls of Black Folks" (1903) veröffentlicht, das sofort reißenden Absatz fand. Du Bois, der als erster Afroamerikaner in Harvard promovierte, befasst sich darin mit der tristen Situation der Schwarzen knapp vierzig Jahre nach dem Verbot der Sklaverei.

William Edward Burghardt Du Bois wurde 1868 geboren und studierte zunächst an der für befreite Sklaven gegründeten Fisk University, danach in Harvard. 1892 erfüllte er sich einen Traum und ging zum Studium nach Berlin. Als Universitätsprofessor widmete sich Du Bois später der empirischen Erhebung der Lebensbedingungen des schwarzen Nordamerika. Neben einer intensiven Publikationstätigkeit gründete der engagierte Intellektuelle mehrere Organisationen zum Kampf für die rechtliche Gleichstellung der Schwarzen. Bis zu seiner Ausreise aus den USA 1958 war er massiven Schikanen der US-amerikanischen Behörden ausgesetzt. 1963 starb er als Staatsbürger Ghanas in Afrika.

Was "Die Seelen der Schwarzen" trotz der Fülle an Verweisen heute noch so gut lesbar macht, ist seine großartige Sprache. Den poetisch-politischen Ansatz seiner Denkweise betont Du Bois auch, indem er jedem Essay den Text eines Klagelieds voranstellt. Und immer wieder schildert Du Bois auch eigene Erlebnisse. Etwa in dem schönen Aufsatz "Über die Bedeutung von Fortschritt", in dem er von seiner Zeit als Dorflehrer in Tennessee erzählt: Jahre nach seinem Abgang besucht der Bürgerrechtler diese Gegend wieder. Anhand der Situation der Landbevölkerung macht Du Bois klar, dass wirtschaftlicher Aufschwung nicht mit Fortschritt gleichzusetzen ist. Du Bois ist auch im Sammelband "Black Beats" präsent: mit einem Aufsatz und mit Fotoserien wie den Porträts "Schwarze Frauen", die der Soziologe bei der Pariser Weltausstellung 1900 präsentiert hat. Das schmale Buch bietet einen komprimierten Querschnitt durch kanonische Texte der Black Studies, enthält aber auch Reden und Interviews. Parallel zu den chronologisch kompilierten Originaltexten stellt der Mitherausgeber Max Annas in einem Überblicksartikel afroamerikanische Geschichte von "Afrika vor der ersten Invasion" bis zu "Post Soul" dar.

Am Anfang steht ein Interview mit Malcolm X von 1963. Noch ganz im fanatischen Sinn der "Black Muslims" spricht der Antagonist von Martin Luther King darin über den weißen Mann als Teufel. Malcolm X erzählt in dem Gespräch, dass seine Großmutter von einem Weißen vergewaltigt und sein politisch engagierter Vater vom Ku-Klux-Klan gelyncht worden sei. Dann führt er wieder in einer absurden Passage die Kraft spendende Wirkung von Schwarzbrot und schwarzem Kaffee als Beweis für die Überlegenheit seiner Rasse an. Spannend gestalten sich die zahlreichen Texte von Frauen. Die Bandbreite reicht dabei von Ida B. Wells Rede "Über das Lynchen" von 1909 über Angela Davis' Analyse "Der Mythos vom schwarzen Vergewaltiger" (1981) bis zu feministischen Texten von Alice Walker und bell hooks.

So wie "Die Seelen der Schwarzen" ist auch "Black Beats" eine höchst informative Mischung aus Theorie, Soziologie und Literatur. Die beiden Bücher füllen damit eine Lücke, die am deutschsprachigen Buchmarkt hinsichtlich afroamerikanischer Politik immer noch herrscht - und machen definitiv Lust auf mehr.

Nicole Scheyerer in FALTER 13/2004



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