Zum Fressen gern. Zwischen Haustier und Schlachtvieh

Bernhard Kathan


Bernhard Kathan beschäftigt sich in "Zum Fressen gern" mit den Veränderungen in den Mensch-Tier-Beziehungen.

Vor der Lektüre dieses Buches entfernt man besser alle Fleischvorräte aus dem Kühlschrank. Denn während oder nach dem Lesen kann einem der Appetit auf totes Tier vergehen. Bernhard Kathan untersucht in seinem neuen Buch nämlich die Schlachtungsverfahren von einst und heute oder die Rituale des Tieropfers. Darüber hinaus beschäftigt er sich aber auch mit den Seelen- und Schmerzvorstellungen unterschiedlicher Kulturen oder der Koch- und Zubereitungskunst. Und: Er weiß, das alles schlüssig miteinander zu verbinden.

Der Künstler und Sozialwissenschaftler aus Innsbruck hat ein weiteres Mal seine zentralen Themen - das Leiden und den Tod - aufgegriffen und zu einem spannenden Buch verarbeitet. Analysierte er vor fünf Jahren in "Das Elend der ärztlichen Kunst" die Beziehungen zwischen Arzt und Patienten, so sind es diesmal jene zwischen Tier und Mensch: beim Schlachten, beim Experiment, im Film, in der Kunst und im Familienverband. Da wird geblutet, gehackt, gestochen, mit glühenden Zangen gearbeitet und bei lebendigem Leibe gekocht.

Der 51-jährige Autor rekonstruiert dabei die Entwicklung des Tieres von einer reinen Ernährungsgrundlage zum sprachlosen Familienmitglied - und bedient sich dafür verschiedener Stile: Wird an einer Stelle minutiös von der Betäubung von Schweinen vor der Schlachtung berichtet, verfällt der Autor ein anderes Mal in einen beinahe vergnügten Plauderton, wenn er eigene Tiererlebnisse schildert.

Der Autor hält der modernen Gesellschaft einen Spiegel vor und zeigt ihr, wie weit es mit ihrer Tierliebe her ist. Nämlich nicht so weit, wie es sich Tierschützer gerne auf ihre Fahnen schreiben. Kathans These: "Die neue Empfindsamkeit verdankt sich nicht einer Verfeinerung der Sitten und Charaktere. Sie ist das Ergebnis ökonomischer und technologischer Entwicklungen, die unser Verhältnis zu Tieren neu organisiert haben."

Seit dem 18. Jahrhundert ist das Schlachten von Tieren aus unserem Alltag und unseren Küchen verschwunden und wurde an eigene Tötungsinstitutionen delegiert, die Schlachthöfe. Mit zunehmendem Fortschritt wurde das Töten "industrialisiert" und "technisiert" und nicht zuletzt mit der Erfindung des Fließbandes, das eigens dafür entwickelt wurde, zu einem arbeitsteiligen Prozess.

Schlachthöfe sind Massentötungsmaschinen, die am Stadtrand angesiedelt sind, damit der Mensch nicht ständig auf sie aufmerksam wird. Das Fleisch, das wir im Supermarkt kaufen, ist "geschichtslos". Die Verpackung versperrt den Blick auf das, was dahinter steckt: Schreie, Blut, Gestank. Die Appelle für eine möglichst schnelle und schmerzfreie Tötung rühren nicht vom Mitleid mit der Kreatur her, so Kathan, sondern vom Mitleid mit der Fleischqualität: Unnötiger Stress lässt das Fleisch härter und weniger aromatisch werden.

Das Buch will verstören. Und tatsächlich braucht der Leser viel Nervenstärke, um sich durch diese Lektüre zu kämpfen. Aber dafür ist ihm eines gewiss: Er wird seine nächste tierische Mahlzeit mit anderen Augen sehen.

Petra Paumkirchner in FALTER 13/2004



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