Dora Dunkl. Eine Nacherzählung

Marlene Krisper


Marlene Krisper erzählt das Leben von Dora Dunkl (1925-1982) nach, die im Steyr der Sechzigerjahre ihre Freundin Marlen Haushofer zumindest in Sachen Glamour in den Schatten stellte.

Heute ist Heimatabend: für die Masse ein Zuckerl. Aber ich kann das Jodeln nicht vertragen und muss die Gäste empfangen. Natürlich ziehe ich ein Dirndl an. Nachher wird fleißig dem Wein zugesprochen und alles versandet. Morgen besuchen wir die Familie Sektionsrat in Wien, übermorgen darf ich meinem ,Malerpfarrer' Modell sitzen. Und an einem nächsten Abend spielt in der Bar in Steyr eine verblichene Pianistin bis zur Zerspielung die ,Schwarze Rose'. Ich lebe in einem Käfig, in dem ich zum Amusement einiger Menschen mit gestutzten Flügeln zu fliegen versuche."

Dora Dunkl, die noch nicht so heißt, übt die Rolle der Diva im Dorf. Die Arzttochter Waltraud Schottenloher hat es nach dem Krieg aus Niederbayern ins niederösterreichische Haidershofen verschlagen. Auch später in Steyr sieht man sie als "Paradiesvogel", der sich "in die Kleinstadt verflogen" hat. Dort kreuzt sich ihr Weg mit dem der fünf Jahre älteren Marlen Haushofer: zwei begabte Mädchen, die ihr Germanistikstudium (die eine in Würzburg, die andere in Wien) an den Nagel gehängt haben, um jeweils einen Arzt zu heiraten, Kinder zu bekommen - die Mutterrolle überfordert beide, aber während Haushofer ausharrt, ergreift die Jüngere die Flucht. Ihre Rettung ist der Architekt Heinrich Dunkl, ein Bonvivant und Schöngeist, Besitzer des schönsten gotischen Hofes der Stadt.

In dem zwanzig Jahre älteren Mann findet die Widerspenstige ihren Meister. Er spielt den Professor Higgins, übernimmt ihr Styling, kritisiert ihre literarische Produktion. Als ihr ein Essay gelingt, bekommt sie von ihm einen Schlüsselanhänger mit der Gravur "D.D.D.D.D.D.": "Dora Dunkl, Denkende Dichterin mit Dekorativem Dekolleté". Im Steyr der Sechzigerjahre ist sie die Strahlende, die Charismatische, die Mondäne, die mit dem Alfa-Cabrio über den Stadtplatz braust, Marlen Haushofer die ganz in ihrer Bürgerlichkeit verpuppte graue Maus, die sich nicht traut, öffentlich aus ihren Büchern zu lesen, und für die das die Freundin mit der wohl tönenden Stimme gern übernimmt. "Du weißt, mein Geliebter, dass ich mich ausgießen möchte an die Welt, das Leben, an Himmel und Hölle": Im Dunklhof finden nun allsommerlich Serenaden statt. Klassische Streichquartette, dazwischen Poesie, von Goethe bis Villon, rezitiert von der Gastgeberin, die auch Eigenes vorträgt. Gertrud Fussenegger kommt regelmäßig, man sieht Jeannie Ebner, Kurt Klinger, Franz Kain, Paula Wessely, Paul Flora.

Marlene Krisper löst mit ihrem Buch tatsächlich ein, was der Untertitel verspricht und was fast immer schief geht, wenn sich eine Biografie solcherart tarnt: "Eine Nacherzählung" - also eine Lebensgeschichte mit durchaus literarischem Anspruch. Die Autorin, die mit Dora Dunkl befreundet war, zeichnet gleichwohl ein differenziertes, ein kritisches Porträt auch der Schriftstellerin: Ihre Lyrik von konventioneller Modernität überzeugt dort, wo sie kein Aufhebens macht, wo sie leise wird:

"aber sagen
wie es war,
als mir die Glut
auf die Haut fiel
kann ich nicht."

Dunkl ist streng mit sich, sie will hoch hinaus: "Mein letztes Gedicht könnte ein mittelmäßig begabter Schweizer geschrieben haben." Axel Corti, zu dem sie ein Ausbruchsversuch aus ihrer ersten Ehe führte, meinte einmal in einem Brief, ihre Gedichte seien stark, aber nicht so stark wie ihre Verfasserin.

Um 1970 erhält Dora Dunkl endlich öffentliche Anerkennung als Lyrikerin: Sie bekommt den Förderungspreis des Landes Oberösterreich, ihre Gedichte erscheinen in der Presse und der Furche, im Residenz-Verlag wird ein Band vorbereitet, der dann einem Zerwürfnis zum Opfer fällt. Dunkls Rezept gegen Lebensangst, Alter und Schmerz heißt "Pathos und Pose": "Sie braucht von beiden eine immer höhere Dosis."

Marlene Krisper spürt - stets taktvoll, nie beschönigend - die Frau hinter der spektakulären Fassade auf: ihre Sucht nach Beifall, nach Bewunderung, nach Alkohol; ihre familiäre Prädisposition: Der Vater war als Arzt im Ersten Weltkrieg Morphinist geworden, der Bruder im Zweiten in beiden Bereichen in seine Fußstapfen getreten. Er nahm sich 1951 das Leben. Mit dem Tod ihres Mannes verliert Dora Dunkl ihre Orientierung. Das Verhältnis zu den beiden Kindern aus erster Ehe, die beim Vater geblieben sind, bleibt schwierig. Der körperliche und geistige Verfall wird offenkundig, 1982 stirbt Dora Dunkl im Krankenhaus, wo sie bis zuletzt auf Schminke Wert legte: Eine weibliche Dandy-Existenz endet trotz allem stilvoll.

Daniela Strigl in FALTER 13/2004



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×