Else Pappenheim. Beiträge zur Geschichte der Psychoanalyse, Psychiatrie und...

Bernhard Handlbauer


Zwei Sammelbände beschäftigen sich auf höchst unterschiedliche Weise mit der Vergangenheit und der Zukunft von Freuds Lehre - und schlagen Brücken zu den Neurowissenschaften.

What makes people tick? Was motiviert die Menschen?" Else Pappenheim hat sich zur Beantwortung dieser Frage zeitlebens der Psychoanalyse anvertraut. Mit ihr könne man "mehr über eine Person lernen als auf jede andere Art", so ein Fazit der heute 93-Jährigen. Pappenheim - nicht verwandt oder verschwägert mit Bertha Pappenheim, der Frau hinter Freuds berühmter Fallstudie Anna O. - gehörte zu den letzten Ausbildungskandidaten der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung in der Berggasse. Im Buch "Else Pappenheim. Hölderlin, Feuchtersleben, Freud", herausgegeben vom Psychotherapeuten Bernhard Handlbauer, zieht sie eine Bilanz ihres Lebens und präsentiert einen Überblick über ihre klinischen Beiträge.

Geboren wurde Pappenheim im Mai 1911 in Salzburg, ihre akademische Laufbahn begann sie 1935 in Wien. Freud selbst sollte sie nie kennen lernen, ihre psychoanalytische Ausbildung erfuhr sie erst nach ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten in den USA. Speziell die in New York ansässigen Psychoanalytiker zeigten sich wenig begeistert von den vielen neuen Kollegen aus Europa, erzählt Pappenheim, und so ging sie nach Baltimore an die John Hopkins University zu Adolf Meyer, einem der damals renommiertesten Psychiater.

In ihrem Rückblick spart sie nicht mit Kritik an der psychoanalytischen Praxis ihrer neuen Heimat. Speziell die Tätigkeit der Analytiker in New York mit ihren oft "unreflektierten und verwässerten Methoden" wird schonungslos kritisiert: "Viele haben sich den Beruf ausgesucht, weil man stumm hinter der Couch sitzen konnte." Ihre Heimatstadt Wien, in die sie immer wieder zurückkehrte - zuletzt Mitte März - kommt dabei vergleichsweise gut weg.

Else Pappenheim ist ein Beispiel für die durch die Emigration "ermöglichte" Entwicklung der Psychoanalyse. Methodisch vertraut die gelernte Neurologin und Psychiaterin bis ins hohe Alter den Fortschritten in den Neurowissenschaften und verweist dabei auch auf die Arbeit eines anderen jüdischen Emigranten: Eric Kandel, führender Neurowissenschaftler und Medizin-Nobelpreisträger 2000, dem zufolge die Psychoanalyse "die kohärenteste und intellektuell zufriedenstellendste Sicht" auf das psychische Geschehen bleibt. Die Fortschritte der Neurobiologie, so Pappenheim, "wären von Freud begrüßt worden. Schon 1914 [] sprach er die Hoffnung aus, eines Tages würden wir das organische Substratum für psychologische Phänomene verstehen. Ich glaube, wir sind auf dem Weg dazu."

Einer der jüngeren Kollegen, den sie ebenfalls wohlwollend erwähnt und der diesen Weg beschritten hat, ist Mark Solms, der gemeinsam mit seiner Frau Karen Kaplan-Solms zu den führenden Vertretern der "Neuro-Psychoanalyse" zählt. Solms hat auch einen Beitrag für das von der Wiener Lehranalytikerin und Philosophin Patrizia Giampieri-Deutsch herausgegebene Buch "Psychoanalyse im Dialog der Wissenschaften" verfasst, in dem es neben interdisziplinären Kooperationen mit den Neurowissenschaften auch um Schnittstellen mit der analytischen Philosophie des Geistes geht. Diese Erbin des Wiener Kreises rund um Philosophen wie Daniel Dennett, Patricia Kitcher oder David Rosenthal sucht explizit den Kontakt zu den modernen Kognitions- und Neurowissenschaften. Eine allgemeine Theorie des Mentalen erfordere gerade heute die Integration von empirischen und experimentellen Befunden benachbarter Disziplinen, so die Überzeugung von Giampieri-Deutsch.

Ihr Buch, das auf eine Arbeitstagung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im November 2002 folgt, stellt den State of the art der Psychoanalyse als interdisziplinäres Projekt in seinen verschiedenen Facetten dar: Es bietet eine umfangreiche Einleitung an sowie eine detaillierte Darstellung der psychoanalytischen empirischen Forschung durch US-amerikanische Wissenschaftler wie Sidney Blatt (zum Thema Depression), Howard Shevrin oder John Clarkin.

Der erwähnte Mark Solms konzentriert sich in seinem Beitrag auf die Beschreibung des so genannten Korsakow-Syndroms. Patienten mit diesem Syndrom (Verletzungen u.a. in der vorderen Hirnrinde) zeigen mehrere Symptome: z.B. die "Ersetzung der äußeren durch die innere Realität (Fantasie)" und "die traumähnliche Zeitlosigkeit des Erlebens". Diese bei Fallstudien beobachteten Phänomene decken sich laut Solms mit den funktionellen Merkmalen des Freud'schen "Unbewussten".

Wird die Funktion des Vorbewussten außer Kraft gesetzt, breche das, was Freud das Unbewusste nannte, durch: der primitive, wunschgeleitete und realitätsverleugnende Aspekt des Mentalen. Das "Unbewusste" befinde sich beim Korsakow-Syndrom "gewissermaßen an der Oberfläche" - ein Beispiel von vielen, wie die von der Psychoanalyse angenommenen Aspekte des Mentalen im Gehirn repräsentiert sein können. Entsprechend sieht auch der bekannte Gehirnforscher und Philosoph Gerhard Roth in seinem Beitrag die Lehre Freuds in wichtigen Punkten bestätigt, u.a. darin, dass "das Unbewusste das Bewusstsein weitgehend bestimmt".

Lukas Wieselberg in FALTER 13/2004



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