Kurt Cobain - Godspeed. Sein Leben als Comic

Barnaby Legg, Jim McCarthy, Flameboy


Knapp vor seinem zehnten Todestag zeichnet ein edel aufgemachter Comic das Leben des Rockheiligen und Grunge-Verkörperers Kurt Cobain nach.

Der vorzeitige letale Abgang ist einer zynischen Popregel zufolge nicht die schlechteste Voraussetzung für lange anhaltenden Ruhm in einer Welt, die an und für sich durch ihre Schnelllebigkeit definiert ist. Axl Rose hätte als Sänger der Säuferrockband Guns N' Roses vermutlich einen Fixplatz in der Rockheroengalerie, wenn er in den späten Achtzigern aus einem seiner diversen komatösen Drogenexzesse nicht mehr erwacht wäre. Letztlich hat er die Kurve aber doch immer wieder gekratzt - und ist heute kaum mehr als eine langsam vor sich hin alternde Lachnummer.

Gegenteiliges gilt für Sid Vicious, den für alle Zeiten gefährlich und sexy wirkenden Posterboy des britischen Punk. Als sich am 2. Februar dieses Jahres sein Todestag zum 25. Mal jährte, war der Teilzeitbassist der Sex Pistols medial wieder einmal omnipräsent: Er lachte vom Cover des britischen Musikwochenblattes NME, wurde in Qualitätsmedien ausführlich diskutiert, und sein schlankes musikalisches Solowerk erlebte die x-te Neuauflage.

Dass Sid Vicious erst zu den Sex Pistols kam, als deren wichtigste Songs längst aufgenommen waren, ist in diesem Zusammenhang ebenso zweitrangig wie die Tatsache, dass der knapp vor seinem 23. Geburtstag an einer Überdosis verstorbene Junkie ein veritabler Kotzbrocken war und mit seiner - zugegebenermaßen grandiosen - Interpretation des Evergreens "My Way" zeitlebens gerade einmal einen einzigen wirklich guten Song aufgenommen hat.

Wenn sich jetzt am 5. April Kurt Cobains Griff zur Schrotflinte zum zehnten Mal jährt, wird das mediale Aufkommen noch massiver ausfallen als bei seinem britischen Kollegen. Der Unterschied ist nur - so viel Emphase muss an dieser Stelle sein - dass der Nirvana-Frontman keinen einzigen wirklich schlechten Song aufgenommen hat und darüber hinaus auch als Rolemodel für einiges mehr als nur für Destruktivität und Nihilismus steht. Cobain war als Personifikation des Grunge die wichtigste Stimme einer Generation, die in den frühen Neunzigern an ihrer Sprach- und Orientierungslosigkeit verzweifelte - und vor allem war er der erste Superstar der Rockgeschichte, der nachdrücklich gegen Sexismus, Rassismus und Homophobie ankämpfte.

Nach unzähligen mehr oder weniger seriösen Biografien über Cobain und Nirvana sowie der Veröffentlichung seiner eigenen Tagebuchaufzeichnungen nähert sich das im englischen Original bereits letzten November erschienene Fanbuch "Godspeed" seinem Leben jetzt in Form eines als A4-Hardcover mit durchgängig farbiger Illustration edel aufgemachten Comics. Große, teilweise sogar ganzseitige Bilder des Zeichners Flameboy werden mit Texten eines mit Comics wie mit Nirvana merklich vertrauten Autorenduos versehen, die Fakten und Gerüchte geschickt mischen, um Cobain als Ich-Erzähler sein Leben Revue passieren zu lassen. Sogar Kathleen Hanna und Tobi Vail von der Riot-Grrrl-Band Bikini Kill haben ihren Auftritt, als sie einige Zeit vor Cobains Aufstieg zum globalen Teenie-Idol bei einem Treffen darüber scherzen, dass er wie das Mädchenparfüm Teen Spirit rieche - und damit den Titel für Nirvanas berühmtesten Song liefern.

Von minimalen Schlampigkeiten abgesehen - in seinem Teenagerzimmer hat Cobain schon Jahre vor deren Veröffentlichung ein Poster der Pixies-Platte "Surfer Rosa" hängen - funktioniert dieser Zugang sehr gut, und zwar sowohl als Comic wie auch als eine vor allem an Fans adressierte Erzählung. Kimberley D. Cobain ärgert sich unter www.amazon.com zwar über die verklärte Stilisierung ihres Bruders zum depressiven Heroinwrack und empört sich vor allem über die - tatsächlich übertrieben positive - Darstellung seiner Witwe Courtney Love. Als empathische und eben nur semireale Fanlektüre macht "Godspeed" aber durchaus großen Spaß.

Gerhard Stöger in FALTER 13/2004



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