ER

Marie-Sissi Labrèche


Vier Schriftstellerinnen, vier Romane, vier Ich-Erzählerinnen in jungen Jahren, die sich mit verheirateten Männern einlassen und von den Vorteilen berechenbar hoffnungsloser Affären erzählen.

Antonia, 36, ist Journalistin und arbeitet in leitender Position beim Fernsehen. Idylle ist Lehrerin, ebenfalls in ihren Dreißigern und lebt in einer schönen Wohnung in Paris. Agnes, 32 Jahre alt, hat einen guten Job als Korrektorin. Und für die 26-jährige Kiki beginnt gerade eine viel versprechende Karriere an der Universität.

Sie sind vier Frauen zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig, und sie repräsentieren jene Generation von Frauen, die es eigentlich besser haben müsste als jede Generation zuvor. Sie sind gebildet, gut situiert und ungebunden. Sie haben gelernt, ihre Begabungen zu leben, die Welt steht ihnen offen. Was das Leben für die vier bereithält? Leider nur einen Liebhaber, und einen verheirateten noch dazu.

Die Französin Christine Orban erzählt in "Das Schweigen der Liebhaber" von Idylle, die in einem Pariser Park einen Mann kennen lernt, der sie fortan regelmäßig zum Sex aufsuchen, aber kein einziges Wort mit ihr reden wird. "Bleibtreu", der erste Roman der Deutschen Martina Zöllner, handelt von der Fernsehjournalistin Antonia, die sich etwas mit einem wesentlich älteren Philosophen anfängt. Und das Debüt der Österreicherin Kirstin Breitenfellner mit dem Titel "Der Liebhaberreflex" kreist um eine Korrektorin namens Agnes und deren Affäre mit einem Familienvater. Marie-Sissi Labrèche aus Kanada schließlich macht in "Er" die Studentin Kiki zur Hauptfigur, die sich in ihren Literaturprofessor verliebt und natürlich genauso erfolglos bleibt wie die anderen Frauen - keiner der Herren ist gewillt, sich mit der jungen Geliebten länger abzugeben als bis zum Auschecken aus den Hotels, in denen man sich heimlich trifft.

Eine Affäre ist eine Entscheidung für den Status quo. Zumindest einer oder eine ist gebunden, beide wissen - im Prinzip -, worauf sie sich einlassen. Eine Affäre ist genossene Unabänderlichkeit, das macht ihren Reiz und ihre Dramaturgie aus. Jede Affäre ist auf die gleiche Art unglücklich, sie beginnt beiläufig, dann kommen die Heimlichkeiten, das schlechte Gewissen und die Wut über die Perspektivlosigkeit; eines Tages dann ist sie so schnell zu Ende, wie sie begonnen hat.

"Eigentlich habe ich noch nichts wirklich Schlimmes erlebt. Ich bin in geordneten Verhältnissen aufgewachsen, nicht geschlagen und nicht nennenswert gedemütigt worden, meine Eltern und meine beiden Schwestern leben noch und sind gesund", heißt es in Kirstin Breitenfellners Roman "Der Liebhaberreflex". Ihre Protagonistin ist in politischer wie materieller Sicherheit groß geworden, aufgezogen von Eltern, die nicht nur wollten, dass es ihre Kinder einmal besser haben, sondern dass ihre Kinder auch selbst entscheiden können, was denn das Beste für sie sei. Um die dreißig zu sein heißt, mit der Maxime aufgewachsen zu sein, das tun zu können und zu müssen, was einem Freude macht. Das ist das Privileg dieser Generation, aber es ist auch ihre Bürde: Jeder Schritt, jeder Lebensentwurf muss darauf untersucht werden, ob er einen persönlich weiterbringt.

Breitenfellner hat für dieses Dilemma von allen hier besprochenen Büchern die schlüssigste Form gefunden. Ihr Roman ist erzählte Reflexion, ein Gebäude aus Thesen, an dem ständig herumgewerkt wird. Ob es um den Liebhaber geht, die Familie oder den Alltag - Gesagtes und Gedachtes wird immer wieder neu aufgegriffen. Bis hin zum Wortlaut identisch wird ein Satz in einem anderen Zusammenhang wiederholt, nichts kann für sich stehen, alles muss ständig aufs Neue thematisiert und korrigiert werden.

Die Korrektur ist das Leitmotiv des Romans. Agnes Poigenfürst, die Ich-Erzählerin, arbeitet als Korrektorin bei einer Zeitung, und mit der unerbittlichen Akribie, die sie fremden Texten zuteil werden lässt, geht sie auch ihr eigenes Leben an: "Man hat nichts davon, wenn man hundert Fehler findet, denn bemerkt wird nur der eine, den man übersehen hat", heißt es. Also muss jedes noch so unwichtige Detail durchgekaut werden: warum man im U-Bahn-Fenster schön aussieht; warum Einkaufen unbefriedigend ist und warum man als Geliebte immer Schmuck bekommt. Alle Lebensentwürfe werden gegeneinander abgewogen, der Charakter des Ehemannes gegen den Charakter des Liebhabers, das Leben der Schwester gegen das eigene. Zynischerweise ist in dem Buch die einzige Figur, der Klarheit attestiert wird, eine Frau, die sich aus dem Fenster gestürzt hat.

Der Chef, den sich Agnes zum Liebhaber aussucht, ist verheiratet und hat Kinder. Es ist eine Beziehung auf Abruf, beschränkt auf E-Mails im Büro und gemeinsame Mittagspausen. Die Lügen des Mannes sind ebenso durchschaubar wie seine Motive, sich mit einer Jüngeren einzulassen. Durch die Affäre bleibt das Leben der Frau, wie es war: "Der Liebhaberreflex ist eine Bewegung, die ins Leere schlägt", heißt es. Es gibt keine Konsequenzen, nur ein absehbares Scheitern - und diese Berechenbarkeit gibt der Ich-Erzählerin Kontrolle über ihr Leben.

Auch für die Pariser Lehrerin Idylle ist es nicht die Hoffnung auf Erfüllung, sondern die kalkulierbare Hoffnungslosigkeit, die sie veranlasst, dem ignoranten Jean immer wieder die Tür zu öffnen und ihm auch noch Kuchen mit kandierten Veilchen zu backen. Doch Jean spricht kein Wort mit der Geliebten. "Das Schweigen der Liebhaber" ist ein Protokoll des Versuchs, den Mann zum Reden zu bringen. Dieser Versuch genügt sich wie die Affäre selbst, als Jean schließlich Herz und Mund öffnet, will Idylle nichts mehr von ihm wissen. Orbans Sprache ist dem lakonischen Pathos verpflichtet und hat vermutlich Marguerite Duras zum Vorbild, aber es ist immerhin der Versuch, so etwas wie Fragmente einer Sprache der Affäre zu konstruieren. Der Roman wechselt zwischen Dialog und Reflexion, in die Erzählung werden E-Mails an eine Freundin und Monologe geschoben, die sich an ein Du richten - ein ständiges Hin und Her, genau wie das Leben der Ich-Erzählerin Mitte dreißig.

Die Erzählperspektive ist allen vier Büchern gemeinsam: Wo das Ich die einzige verbleibende Kategorie ist, liegt es nahe, in der ersten Person zu erzählen. "Ich bin sechsunddreißig, ich weiß Bescheid über mich", heißt es zu Beginn von "Bleibtreu". Es schwingt jedoch erstaunlich wenig Selbstironie mit, wenn die Protagonistin "ich" sagt. Diese Antonia gibt ungefiltert von sich, was ihr gerade in den Sinn kommt - Lebensweisheiten von Freundinnen, Gedanken über Weihnachtsgeschenke und Wohngemeinschaften. Alles ist Thema, nichts von Belang. Die Grenzen der Romanwelt sind die Grenzen des Erwartbaren. Der Liebhaber, ein in die Jahre gekommener Philosoph namens Christian Bleibtreu, ist genau so, wie man ihn sich vorstellt: Er denkt viel nach und kann keine technischen Geräte bedienen. Später tritt ein zweiter Liebhaber in Antonias Leben, ein Filmemacher, der allen Klischees eines Filmemachers entspricht. Das Thema von "Bleibtreu", der 374 ziemlich langweilige Seiten umfasst, ist das Erwartbare; und das Erwartbare ist nichts anderes als der Versuch, einem zwischen Selbstverwirklichung und Selbstbespiegelung zerriebenen Leben Strukturen zu verleihen.

Symptomatisch, dass die genannten Liebhaber-Romane alle ziemlich humorlos ausgefallen sind. Selten wird ein Scherz über die Lächerlichkeit weiblicher Sinnsuche riskiert, und wenn, dann nur auf dem Niveau einer Frauenzeitschrift. Die Ernsthaftigkeit, mit der sich die Autorinnen ihrem Thema zuwenden, ist Programm: Es geht ihnen nicht um das erzählerische Potenzial einer heimlichen Liebschaft. Die Affäre ist das Symbol für den gelebten Stillstand, sie markiert die einzige Option, die es aus der Sicht der Erzählerinnen noch gibt: das absehbare Scheitern als Chance, sich für ein paar Momente selbst zu genügen.

Einzig Marie-Sissi Labrèche bemüht sich in ihrem Roman "Er" um einen schnoddrigen Tonfall ("Ich bin sechsundzwanzig und ficke mit meinem Literaturprof"). Die Geschichte um den arrivierten Professor und die Studentin, die unbedingt ein Kind von ihm haben möchte, ist schön böse und selbstironisch; aber letztlich endet Labrèches Versuch, einen Witz über ihre Protagonistin Kiki zu machen, genau dort, wo die anderen Autorinnen schließen: beim eigenen Selbst, dem alles geschuldet ist, das Handeln genauso wie das Erzählen. "Damit ich das nie vergesse und damit meine kleinen Ichs das auch nie vergessen, gibt es dieses Tagebuch hier, aus dem sie Auszüge lesen dürfen, wenn sie älter sind, aber bis dahin, weil sie ja noch nicht lesen können, meine kleinen Ichs , bis dahin habe ich ihnen große Kaugummiblasen an die Wände des Zimmers gemalt, große Kaugummiblasen, die aus den Mündern von traurig lächelnden Clowns kommen."

Das Warten ist zum einzigen Lebensinhalt der Frauen geworden, das Warten auf den nächsten Anruf des Liebhabers, darauf, ins nächste Hotelzimmer hasten zu können. Die Zeit bis dahin verbringen sie damit, sich zu überprüfen oder überprüfen zu lassen - weshalb sich die Therapie auch als Motiv durch alle Bücher zieht. Das Einzige, was diese Frauen noch erlösen kann, ist ein Schicksalsschlag, irgendetwas Unkontrollierbares, das sie von der Fixierung auf die eigene Innerlichkeit ablenkt. So ist bei Christine Orban mitten in der Liebhabergeschichte plötzlich vom 11. September die Rede, "Der Liebhaberreflex" und "Er" steuern auf Autounfälle hin.

Doch weil die Frauen vom Zwang, sich stets neu zu entwerfen, nicht befreit werden können, befassen sich drei der vier Romane auch noch explizit mit dem Schreiben. Kiki droht ihrem Professor damit, einen Roman über die gemeinsame Affäre zu verfassen, Antonia betätigt sich ebenfalls als Autorin, und im "Liebhaberreflex" wird der Korrektor als verhinderter Autor begriffen, "dessen hohe Ansprüche es nicht erlauben, ins kalte Wasser des eigenen Textes zu springen". Die vier Autorinnen haben den Sprung doch noch gewagt. Die Lust, ihnen dorthin zu folgen, hält sich in manchen Fällen in Grenzen.

Verena Mayer in FALTER 13/2004



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