The Roaring Nineties. Der entzauberte Boom

Joseph Stiglitz, Thorsten Schmidt


Zwei Wirtschaftsprofessoren, Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und "New York Times"-Kolumnist Paul Krugman, zeigen auf, wie die USA ökonomisch auf die schiefe Bahn geraten sind.

Als Joseph Stiglitz kürzlich an der Wiener Universität einen Vortrag hielt, war der Hörsaal bis zum letzten Stehplatz gefüllt. Das war weniger auf seinen Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften oder seine frühere Position als Chefökonom der Weltbank zurückzuführen, als auf seine populäre und zugleich informierte Kritik an der Deregulierung der Märkte. Sein Buch "Schatten der Globalisierung" war vor zwei Jahren ein Bestseller gewesen. Nun warb Stiglitz für seine jüngst erschienene Analyse der in den Neunzigerjahren rasch emporgekommenen und noch rascher gescheiterten New Economy.

Dass gerade erst gegründete Firmen, die kaum Einnahmen hatten und von Gewinnen, wenn überhaupt, noch Jahre entfernt waren, in Rekordzeit zu potenten Aktiengesellschaften heranwachsen konnten, lag laut Stiglitz an einer unseligen Trias aus Ideologie, Raffgier und Kontrollmangel. Hier wird Stiglitz, der selbst jahrelang zu den Beratern von Bill Clinton zählte, selbstkritisch: Das ganze Ausmaß der Abschaffung staatlicher Kontrollen der Wirtschaft erschloss sich ihm nämlich auch erst, als die Blase geplatzt war. Solange die Blase wuchs, haben Unternehmer, Banken, Börsenanalysten und Wirtschaftsprüfer prächtig an ihren Manipulationen verdient. Durch die Finger schauten jene Anleger, die ihre Anteile nicht vor dem Crash abstießen, und das waren die meisten.

"Der wichtigste intellektuelle Fortschritt der US-Finanzszene in den Neunzigerjahren war wohl, dass man mit den Tricks, mit denen man die Steuerbehörden in die Irre führte, auch die Investoren täuschen konnte." Wirtschaftsprüfer taten in den Neunzigerjahren immer weniger ihren eigentlichen Job, nämlich die Buchhaltung zu kontrollieren, sondern sie ließen sich von den Unternehmen, denen sie eigentlich auf die Finger schauen sollten, gleichzeitig als Berater engagieren. Der Interessenkonflikt lag also auf der Hand. Trotzdem weigerte sich die US-Regierung, Wirtschaftsprüfung und Beratungsleistungen aus einer Hand zu verbieten.

Überhaupt hat Stiglitz wenig übrig für die Branche der Unternehmensberater. Diese tun nämlich oft nichts anderes, als "zuhören, was die Leute wollen, und ihnen dann genau das in einem gewissen Jargon zu präsentieren, sodass der Anschein entsteht, man hätte der Diskussion etwas substanziell Neues zugefügt."

Mit der Regierung Clinton geht er hart ins Gericht, doch im Vergleich zu dem, was seitdem folgte, sei die US-Wirtschaftspolitik der Neunzigerjahre ausgezeichnet gewesen, vor allem auf dem Gebiet der Haushaltspolitik. Angesichts der Rekorddefizite unter George W. Bush erinnert Stiglitz daran, dass die Republikaner noch 1995 einen Verfassungspassus forderten, der einen ausgeglichenen Staatshaushalt verlangte. Im US-Kongress fehlten damals nur zwei Stimmen. Als Keynesianer lehnt Stiglitz die Fixierung auf ausgeglichene Haushalte ab: Gespart werden müsse in guten Zeiten, um in schlechten Zeiten zubuttern zu können. "Die Größe dieses Defizits sollte flexibel und nicht durch irgendeine Zahl wie ein, zwei oder drei Prozent begrenzt sein. Ich glaube, Europa leidet jetzt unter seinem Stabilitäts- und Wachstumspakt, der die Möglichkeiten der Finanzpolitik einschränkt."

Als Präsident Bush vor drei Jahren Steuersenkungen mit der stagnierenden Wirtschaftslage begründete, war Stiglitz also durchaus bereit zu folgen. Ihre Gestaltung sei jedoch grundfalsch gewesen. Anstatt jenen, die jeden Dollar mehr in ihrer Tasche auch ausgeben würden, kamen die Steuergeschenke ganz überwiegend den Reichen und Superreichen zugute. So musste jede stimulierende Wirkung auf die Wirtschaft ausbleiben. Bush pries seine Umverteilungspolitik jedoch als im Interesse der hart arbeitenden kleinen Leute an. Der Erste, der den Schwindel aufdeckte, war ein Kollege von Stiglitz, Paul Krugman.

Verständlich schreiben und ganz ordentlich erklären konnte er. Das hatte der Professor aus Princeton in einigen Lehr- und Sachbüchern und Artikeln für die Wirtschaftspresse bewiesen. Das Risiko, dass er auch auf den Meinungsseiten der besten Tageszeitung der Welt bestehen könnte, schien den Verantwortlichen der New York Times nicht zu groß, als sie Krugman vor vier Jahren eine Kolumne anboten. Dass diese zum Tribunal über die verfehlte Politik Bushs werden sollte, ahnte damals niemand. Eigentlich sollte es um Globalisierungsfolgen und internationale Wirtschaftspolitik gehen, doch schon während des letzten US-Präsidentschaftswahlkampfes vor vier Jahren schrieb Krugman immer öfter über Innenpolitik und wurde zusehends polemischer.

Seine wichtigsten Kolumnen aus den letzten Jahren liegen nun, ergänzt durch einen analytischen Rückblick, auf Deutsch vor. Der Tenor: Den USA droht ein lange anhaltender Niedergang wegen der enormen Schuldenlast. Und die US-Politik schreit nach strengeren Spielregeln. Bush und seine Freunde haben nämlich eine Vetternwirtschaft in großem Stil aufgezogen. Dynastien hat es in der US-Politik zwar schon früher gegeben, doch während die Rockefellers und Kennedys die Politik als Verpflichtung ansahen, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, so Krugman, suche man im Bush-Clan vergeblich nach Philanthropen oder Reformern. Politische Verbindungen sind vielmehr ihr Weg, sich zu bereichern. Wie sie die Folgen ihrer Politik schönrechnen und ihre wahren Interessen vertuschen, erinnert an die Bilanztricks, die einst die New Economy antrieben.

Stefan Löffler in FALTER 13/2004



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