Der Gulag

Anne Applebaum, Frank Wolf


Die US-Journalistin Anne Applebaum beschreibt die Gräuel des sowjetischen Gulags, und der russische Literatur-Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn sucht nach den Schuldigen der kommunistischen Katastrophe.

Die Geschichte des Sowjetkommunismus ist eine Geschichte der Konzentrationslager. Zehn Millionen Menschen gingen durch 500 Lager mit noch viel mehr Nebenlagern zwischen russischer Pazifikküste und Lemberg, viereinhalb Millionen davon wurden ermordet - und das ist bei weitem noch nicht die Gesamtzahl der dreißig Millionen Opfer, die die Diktatur des Proletariats insgesamt forderte. Unter dem Namen Gulag - vom Russischen "Glawnoje Urpawlenie Lagerej", Hauptverwaltung der Lager - erlangte das gemischte Terrorregime aus Organisation und Willkür traurige Berühmtheit.

Die US-amerikanische Journalistin Anne Applebaum beschreibt auf über 700 Seiten noch einmal die blutigen Schattenseiten des Kommunismus, und zwar ein wenig systematischer, als das seinerzeit der ehemalige Gulaginsasse Alexander Solschenizyn mit seinem dreibändigen "Archipel Gulag" getan hatte, dem "Versuch einer künstlerischen Untersuchung". Applebaums Motiv ist die Empörung über die ungleiche Sichtweise und Beurteilung von Nationalsozialismus und Stalinismus: Martin Heidegger werde zu Recht für sein nationalsozialistisches Engagement kritisiert, aber dass ein Meisterdenker wie Jean-Paul Sartre leichtfertig über die Hekatomben des Kommunismus hinwegsah, das jucke niemanden im Westen.

Applebaum lässt sich auf keine vergleichende Theoriediskussion ein - der sowjetische Massenmord beginnt einfach bei Lenin. Anfang der Zwanzigerjahre nimmt der Gulag allmählich konkrete Gestalt an: eine rücksichtslose Maschinerie, der zahllose Menschen zum Opfer fielen, wenngleich sich nicht systematisch im Dienste des aufzubauenden Sozialismus ermordet wurden, wie es in den Dreißigerjahren zum nüchternen Faktor bei der Industrialisierung des Landes wird. Die Gefangenen sind die jeweils neu definierte Gruppen von Volksfeinden: auf Kulaken aus Russland und der Ukraine folgen Polen, Balten - alle Nationen sind in der höllischen Parallelwelt des Sowjetsystems vertreten. Regiert wird das - letztlich ökonomisch ineffiziente - System des Gulag von der Tscheka (Vorläufer des KGB), nicht ohne Mithilfe jener Kriminellen, die Russland in jeder Phase seiner Geschichte massenhaft hervorbrachte.

Applebaums von der Kritik hymnisch gefeiertes Buch beleuchtet souverän und übersichtlich Leben und Arbeit in den Lagern, das System mangelhafter Ernährung und Bestrafung, die Überlebensstrategien und Rebellionen - das Ganze synchron mit einer bis an ihr Ende fortgeschriebenen skizzenartigen Sowjetgeschichte. Wirklich Neues hat der große Essay allerdings nicht zu bieten. Was das Buch aber auf keinen Fall kann, ist, die Lektüre von Solschenizyn selbst zu ersetzen. Alexander Solschenizyn, der heute 86-jährige Exschullehrer, Exkommunist, Exemigrant und Literatur-Nobelpreisträger, war zu Kriegsende in die "Kloake" von Terror und Lagersystem hineingerissen worden, seine dabei gemachten Erfahrungen beschrieb er unter anderem 1962 im Kurzroman "Ein Tag im Leben des Iwan Denisowitsch". 1974 aus der UdSSR ausgewiesen, versetzte Solschenizyn mit seinem dreibändigen Pamphlet "Der Archipel Gulag" dem Sowjetregime einen schweren Schlag - Literaturromantiker wollten in dem Buch mitunter sogar einen Grund für das Ende der SU sehen.

Ein in "Gulag" angeklungenes, schon damals als antisemitisch kritisiertes Motiv, das der "jüdischen Mitschuld" am Gulag, steht im Zentrum des zweiten Bandes von "Zweihundert Jahre zusammen". Um es vorwegzunehmen: die heftig kritisierte Streitschrift über das Zusammenleben von Russen und Juden ist nicht antisemitisch im rassistischen oder gar nationalsozialistischen Sinn. Vielmehr stellt sie eine mit Obskurantismen versetzte Wiederbelebung dessen dar, was im 19. Jahrhundert als "jüdische Frage" diskutiert wurde.

Antisemitisch ist Solschenizyn allenthalben in seiner Klage über den Umstand, dass die Welt "nur" den Holocaust kennt, nicht aber die Tragödie Russlands im Kommunismus. Und das ist noch nicht alles. Der vor Materialfülle überquellende Essay, dessen erster Band von den diskriminierenden Maßnahmen der Zarin Katharina der Großen bis ins Jahr 1905 reichte, setzt im zweiten Band mit der Emanzipation der russischen Juden durch die bürgerliche Februarrevolution 1917 ein. Ab diesem Zeitpunkt wäre alles gut gelaufen, wenn nicht junge Russen und Juden zuhauf, alle traditionellen Werte und Bindungen verratend, zu einem "bodenlosen Internationalismus", sprich Marxismus, übergelaufen wären.

Das Ergebnis ist bekannt: die Sowjetmacht mit ihrer nachhaltigen Verwüstung Russlands siebzig Jahre später. Bekannt ist auch das Bild der jüdisch-bolschewistischen Weltbedrohung, das von dieser kommunistischen Elite gezeichnet wurde - die Nazis haben es ebenso beschworen, wie heutige Antisemiten, die damit eine eigentümliche geschichtspolitische Verrenkung anstellen und sich bei Solschenizyn auch ausführlich bedienen. Solschenizyn selbst betrifft das weniger: Zwar wird er nicht müde, endlose Namenslisten bedeutender Bolschewiken jüdischer Herkunft anzuführen, ebenso lang sind aber auch seine Listen jüdischer Opfer.

Was er mit geradezu prophetischem Zorn und Hohn einfordert, ist ein jüdisches Eingeständnis, an der russischen Misere des 20. Jahrhunderts beteiligt gewesen zu sein. Den Antisemitismus der späten Dreißigerjahre, die Ermordung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees durch Stalin, der Kampf gegen den "Kosmopolitismus", Chruschtschows ukrainischen Antisemitismus und die Abstrusitäten des Sowjetischen "Antizionismus" der Sechzigerjahre - Solschenizyn rechtfertigt keinen Moment lang irgendeine der antisemitischen Vorgehensweisen der immer zwiespältig agierenden Sowjetpolitik.

Stattdessen fordert er, dass die Welt den Umstand anerkennt, dass die Russen es waren, die im Zweiten Weltkrieg den überlebenden Teil des europäischen Judentums vor der sicheren Vernichtung bewahrten, dass Juden kein Recht hätten, sich in der Spätzeit der Sowjetmacht als Opfer darzustellen, wo sie doch neben anderen zu deren Begründern in der Anfangszeit gehörten. All das wird durch Bemerkungen wie etwa der, dass der Exodus der russischen Juden in den Neunzigerjahren aus Russland vermutlich einem göttlichen Plan folge, noch überhöht: Damit schließe sich der seit 2000 Jahren andauernde Zug der Juden rund um das Mittelmeer.

Was der Leser mit derartigen Einsichten anfangen soll, ist zumindest rätselhaft, dass Solschenizyn aber neben seinem Gebrabbel über "die Juden" seinen Essay zu einer Apotheose des zu Ende gegangenen russisch-jüdischen Zusammenlebens führt, mag nur jene erstaunen, die ihre anti-antisemitischen Gemüter am Falschen abkühlen. Dass aber gerade die deutsche Ausgabe des Buches mit kommunistischem Hammer und Sichel plus Davidstern verziert wurde, kann man, gelinde gesagt, nur als Geschmacklosigkeit bezeichnen.

Erich Klein in FALTER 13/2004



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×