Es wird ein Mensch gemacht. Möglichkeiten und Grenzen der Gentechnik

Jens Reich


Wie Umfragen in Frankreich, Deutschland oder Österreich zeigen, begegnet die Bevölkerung der Gentechnik mit einer gehörigen Portion Skepsis. Nicht selten allein deswegen, weil ihre Möglichkeiten und Grenzen für den Laien so schwer zu durchschauen sind. Jens Reichs Buch "Es wird ein Mensch gemacht" bietet nun die Möglichkeit, sich in kurzer Zeit einen seriösen Überblick auf diesem Gebiet zu verschaffen. Rein fachlich ist der Mediziner und Bioinformatiker von der Berliner Humboldt-Universität ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Und auch in didaktischer Hinsicht hat Reich seine Hausaufgaben gemacht.

In sieben übersichtlichen, präzise formulierten Kapiteln erfährt der Leser Grundlegendes über das menschliche Genom, Klonen, Stammzellen und die Möglichkeiten genetischer Diagnose. Die ethische Dimension des Themas deckt Reich durch fiktive Dialoge ab, in denen das Für und Wider der einzelnen Technologien abgewogen wird. Zwar nicht so witzig wie etwa bei Paul Feyerabend oder Douglas R. Hofstadter, den Dialog-Großmeistern des Sachbuchs. Aber sie erfüllen ihren Zweck: Sie zeigen nämlich, dass ethische Standpunkte immer nur so gut sind wie die ihnen zugrunde liegenden Argumente - sowie die aus ihnen ableitbaren Konsequenzen.Geklonte Embryonen, Affen mit Quallengenen, Schweine als organisches Ersatzteillager. Doch wo bleibt angesichts der Errungenschaften der Biotechnologie die Menschenwürde? Zwei Bücher bemühen sich um Antworten.

Jean-Claude Guillebaud macht sich Sorgen. Um die Menschheit im Allgemeinen und deren Würde im Besonderen. Die These des Le Monde-Autors und Essayisten: Das Prinzip der Menschlichkeit droht an drei Fronten vor unseren Augen zu zerbröseln. Erstens erstickt die wirtschaftliche Globalisierung jeden politischen Willen, der sich an den Bedürfnissen des Individuums orientiert. Zweitens bringt die moderne Biotechnologie das natürliche Gefüge des Lebens durcheinander. Und Informatik sowie Künstliche-Intelligenz-Forschung versuchen, drittens, in die letzte Bastion des Humanen einzudringen: Selbst dem menschlichen Geist droht die Geiselhaft der seelenlosen Bits und Bytes.

So weit die Grundposition, die Guillebaud in seinem Buch "Das Prinzip Mensch. Ende einer abendländischen Utopie?" bezieht. Anlassfälle für Sorge und Kritik gibt es jedenfalls genug. Etwa die Patentsucht, die viele Biotech-Unternehmen in den letzten Jahren befallen hat. Großes Aufsehen erregte etwa der Versuch der Firma Monsanto, mit patentierter "Terminator-Technologie" hergestellte Nutzpflanzen auf den Markt zu bringen. Darunter versteht man ein gentechnisch erzeugtes "Selbstmordprogramm" in Pflanzen, bei dem bestimmte Gene im Erbgut verhindern, dass vermehrungsfähige Samen gebildet werden. Die dahinter stehende Überlegung: Auf diese Weise werden Landwirte daran gehindert, die Samen im nächsten Jahr weiterzuverwenden - und müssen daher nolens volens dem Konzern erneut das keimungsfähige Saatgut abkaufen. Was Guillebaud allerdings in seinem Buch verschweigt: Monsanto hat 1999 aufgrund massiver internationaler Kritik von der Vermarktung der Terminator-Technologie Abstand genommen.

Ein anderes von Guillebaud diskutiertes Thema ist die so genannte Präimplantationsdiagnostik (PID). Damit können an einer künstlich befruchteten Eizelle bzw. einem Embryo genetische Anomalien festgestellt werden. Wird tatsächlich ein schwerer genetischer Defekt diagnostiziert, führt das zur Vernichtung der Eizelle. Die Entscheidung von Eltern für einen "gesunden" Embryo bei der künstlichen Befruchtung ist an sich nachvollziehbar. Gleichwohl betritt man mit dieser - noch seltenen - Praxis ein äußerst problematisches Feld. Denn die PID führt nicht nur zur schwierigen Frage "Wo ist die Grenze zwischen normal und krankhaft?". Sie ist vor allem deswegen problematisch, weil "sie zwangsläufig einen furchtbaren Begriff wieder einführt: die ,Norm' beziehungsweise die ,Normalität'", so Guillebauds Kritik.

Dass also prinzipiell Diskussions- und Handlungsbedarf an der Schnittstelle von Technologie und Ethik besteht, davon überzeugt einen der französische Essayist sehr schnell. Leise Zweifel an der Stimmigkeit von Guillebauds sorgenvollem Text befallen einen dennoch. Zu düster ist das von ihm gemalte Bild der Bedrohungen, zu schrill läuten die Alarmglocken, die über 480 Seiten nicht einmal verstummen mögen. Insgesamt wird man den Eindruck nicht los, dass Guillebaud seine Kritik vor allem nach dramaturgischen Gesichtspunkten (hier die bedrohte Menschenwürde, dort die durchgeknallten Wissenschaftler) auswählt. An vielen Stellen möchte man dem Autor sagen: Nun mal halblang, so schlimm steht es um die Welt nun auch wieder nicht.

Der größte Schwachpunkt von Guillebauds Buch ist vermutlich die von ihm bezogene ethische Position. Er plädiert nämlich für eine Wiedergeburt des "Anthropozentrismus im strengen Sinne". Nach seiner Auffassung ist ein Mensch schon alleine deswegen mit Würde ausgestattet, weil er eben ein Mensch ist. Diese auch als "Speziesismus" bekannte Position wird in den einschlägigen Diskussionen nur mehr als Fußnote erwähnt. Sie ist, gelinde gesagt, überholt.

Dazu liest man im von Matthias Kettner herausgegebenen Band "Biomedizin und Menschenwürde" nur noch lapidare Bemerkungen wie: "Die Argumentation, die das Innehaben von Menschenwürde allein von der Spezieszugehörigkeit abhängig macht, darf in der fachlichen Debatte aufgrund ihrer gänzlichen Begründungslosigkeit als widerlegt gelten." In diesem Band beklagen manche - aber keineswegs alle - Autoren, dass der Rekurs auf die Menschenwürde einer Inflation unterliegt und daher sparsamer eingesetzt werden müsse. Beispiele: Die Menschenwürde wurde in der Diskussion um die Sterbehilfe sowohl als Argument für als auch gegen diese eingesetzt. Selbst unbefruchteten Eizellen wurde sie von manchen zugesprochen.

Dieses empfehlenswerte Buch bildet in Fragen der Theorie insofern eine echte Antithese zu Guillebauds Werk, als es die bioethische Debatte nicht auf einen - zumal fragwürdigen - Standpunkt verkürzt, sondern ihre gesamte Vielschichtigkeit abbildet. Allerdings um den Preis, dass die Lektüre um einiges anstrengender ausfällt. Beides auf einmal ist eben selten zu haben.

Robert Czepel in FALTER 13/2004



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