Tagebuch der ersten Expedition zu den Quellen.... sodann über die Rocky Mountains zur Mündung des Columbia...

Meriwether Lewis, William Clark, Friedhelm Rathjen


Die legendäre Expedition, die Lewis und Clark 1804 zu den Quellen des Missouri unternahmen, bescherte Amerika sein einziges Epos und liegt nun in einer Kurzfassung auf Deutsch vor.

Kongenial übersetzen könnte die Tagebücher von Lewis und Clark eigentlich nur ein Legastheniker", schreibt der Übersetzer und Herausgeber der deutschen Ausgabe Friedhelm Rathjen. Zu sagen, er habe die Aufgabe mit Bravour gelöst, hat einen ironischen Beigeschmack; tatsächlich soll damit bloß große Bewunderung ausgedrückt werden. Schließlich nennt Larry McMurtry in der New York Review of Books einen der Autoren, nämlich Captain William Clark, "one of the most defiant, as well as the most inventive, spellers ever to attempt to use the English language". Clark schaffte allein 22 verschiedene Fehlschreibungen des Namens Sioux, darunter "Shoe", "Seaunix" und "Sciouexm". Dennoch bezeichnet McMurtry "The Journals of the Lewis and Clark Expedition" als "our only really American epic". Fast 200 Jahre nach der ersten US-amerikanischen Expedition in den Westen erschien 2001die definitive Ausgabe der Tagebücher in 13 Bänden. Sie enthält auch die Texte einiger Untergebener von Lewis und Clark, denn alle des Schreibens Mächtigen waren verpflichtet, Aufzeichnungen zu führen - für den Fall, dass die Tagebücher der Expeditionsleiter verloren gingen.

Die deutsche, nun bei Zweitausendeins erschienene Kurzfassung beschränkt sich auf rund 540 Seiten. McMurtry würde murren, wollte ich hier behaupten, dass das Epos durch die Kürzungen gewonnen habe. "Keep it all!", fordert er für eine US-amerikanische Volksausgabe. "If we are lucky enough to have an epic, we should play by the epic's rule!" Schon möglich. Nur: Wie viele Menschen haben Ilias und Odyssee wirklich ganz gelesen? Wem Homers "rosenfingrige Eos" zum x-ten Mal aufgegangen ist, der sehnt den Tag herbei, da ein Übersetzer und Herausgeber kommt, um sie ein für allemal untergehen zu lassen.

Rathjens Übersetzung führt uns stracks von einem Ort des Geschehens zum nächsten. Der Ausgangspunkt der Expedition ist St. Louis am Mississippi. 1804 macht sich Captain Meriwether Lewis von dort auf, um seinen Kollegen und früheren Vorgesetzten William Clark bei St. Charles am Missouri zu treffen. Über St. Charles schreibt er: die "Häuser sind im allgemeinen klein und schlecht gebaut; die große Mehrzahl der Bewohner sind äußerst ärmlich, des Lesen und Schreibens unkundig und zu Hause über alle Maßen faul ..." Das Auffälligste an diesem Text sind die Satzzeichen: Lewis erweist sich als großer Freund des Semikolons, während Clark die Interpunktion generell eher vermeidet. Übrigens wird er von seinem Kollegen als Captain tituliert, obwohl ihm die Armee diesen Grad verweigerte.

Der Auftrag zur Durchquerung des Kontinents kam von Thomas Jefferson. Er hatte schon länger vorgehabt, im Louisiana-Territorium zwischen dem Mississippi und den Rocky Mountains, das damals zu Frankreich gehörte, Flagge zu zeigen und zu erkunden, was dort künftig zu holen wäre. Während seiner Präsidentschaft fiel ihm 1804 Louisana um 15 Millionen Dollar zu - just in den Tagen, als Lewis und Clark zu ihrer Expedition aufbrachen. Sie brachten damit auch die Kunde von einer neuen Herrschaft in den Westen.

Die Fahrt ging mit Booten den Missouri flussaufwärts Richtung Rocky Mountains. Man wollte die Quelle des Missouri entdecken und an der schmalsten Stelle zum Columbia übersetzen, um dann bis zum Pazifik zu segeln. Die erste Reise in den Westen war also eine Schifffahrt. Zunächst scheint sie in ein unberührtes Naturparadies zu führen, das sich jedoch rasch als ein Land mit trauriger Geschichte entpuppt. Lewis und Clark kämpfen sich mit etwa vierzig Soldaten und französischen Hilfskräften durch den Regen, die Stürme und Moskitowolken einer wilden Natur und kommen dabei durch kleine französische Siedlungen und Indianerdörfer. "bei Sonnenuntergang 6 Häuptlinge und ihre Krieger von den Ottos, und Missoures, mit einem Franzmann namens Far fonge, wir reichen uns die Hände und gaben ihnen Etwas Tabak & Proviant, sie Schickten uns Wassermillionen" - im Original schrieb Clark "water millions".

Es herrscht Armut und Krieg zwischen den Stämmen. Clark berichtet über die Mahar-Indianer: "die Verheerungen der Pocken haben dieses Volk auf nicht mehr denn 300 Mann reduziert und zum Opfer von Schimpf & Gespött ihrer schwächeren Nachbarn gemacht." Am Höhepunkt der Epidemie töteten die Männer ihre Frauen und Kinder, mit dem Ziel, sie in ein besseres Land zu bringen.

Die beiden Offiziere bemühten sich um Frieden zwischen den Stämmen und erklärten ihren Häuptlingen, dass sie nun einen neuen "Vater", eine neue Regierung, hätten. Aber sie fürchten sich vor den Sioux, auch wenn einer ihrer Häuptlinge sagte: "ich glaube an das, was ihr Gesagt und mein Volk glaubt es auch ... wir sind arm ... und seehr Traurig, daß unsere Frauen nackt sind und alle unsere Kinder."

In den Landschaftsbeschreibungen wird die Faszination durch eine gewaltige Natur spürbar: Bisons zu Tausenden, riesige Herden von Antilopen, Hirschen, Rehen und schließlich die erste Begegnung von US-Amerikanern mit Grizzlys. Doch aus der Nähe betrachtet gibt es nichts als Strapazen, Moskitos, Krankheit und Elend.

Man staunt, was diese Männer auf ihrer zweijährigen Reise alles aushielten, bewundert ihre Zähigkeit und schätzt ihre nüchterne Schilderung der Situation. Am meisten verblüfft aber - eine Frau. Die Snake-Indianerin Sacagawea begleitete mit ihrem französischen Mann, einem Tunichtgut, das Expeditionskorps als Dolmetscherin. Unterwegs entbindet Lewis sie von einem Kind - sie hatten wirklich nichts ausgelassen (auch das Auspeitschen von Untergebenen nicht, das "wilde" indianische Zuseher zu Tränen rührte).

Die junge Mutter samt Baby war wahrscheinlich die beste Lebensversicherung der Expeditionsteilnehmer. Denn Lewis und Clark mussten sich ständig um die Hilfe der lokalen Indianerbevölkerung bemühen. Mit ihrem Trupp allein wären sie wohl als Feinde angesehen und irgendwann niedergemacht worden; davor bewahrten sie ihr besonnenes Verhalten, bunte Glasperlen und Spiegel - vor allem aber eine junge Frau mit ihrem Kind.

Christian Zillner in FALTER 13/2004



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