Please Kill Me. Die unzensierte Geschichte des Punk

Legs McNeil, Gillian McCain, Esther Breger, Udo Breger


Endlich auch auf Deutsch erhältlich: "Please Kill Me", die ebenso aufwühlende wie unterhaltsame Oral History des US-Punk, die jeder idealisierenden Rock-'n'-Roll-Heldendichtung vorzuziehen ist.

Der 1997 verstorbene Kultautor William Burroughs ("The Naked Lunch") reagierte irritiert, als er in den Siebzigern von dem neuen Ding im New Yorker Underground Wind bekam: "Ich dachte immer, ein Punk wäre jemand, der sich in den Arsch ficken lässt." Ganz falsch lag der Beatpoet mit seiner Einschätzung freilich nicht, ist man nach gut 500 Seiten "Please Kill Me. Die unzensierte Geschichte des Punk" geneigt zu resümieren. Denn neben viel Gewalt und noch mehr Drogen gehörte reichlich - und gerne auch gleichgeschlechtlicher - Sex nicht zu den unwesentlichsten Motoren der Punkbewegung.

Legs McNeil, vor knapp dreißig Jahren einer der Macher des New Yorker Punk-Magazins, und seine jüngere Autorenkollegin Gillian McCain haben die erste Hälfte der Neunzigerjahre damit verbracht, alle Protagonisten und eine ganze Reihe interessanter Nebenfiguren von Richard Hell bis Wayne County in ausführlichen Interviews über ihre Erinnerungen an die wirren Punkjahre zu befragen. Das im englischsprachigen Original 1996 erschienene Ergebnis, eine virtuose Collage von O-Tönen, verschaffte dem Punk-Revival der vergangenen Jahre einen entscheidenden Schub. Die deutsche Fassung kommt dafür eindeutig zu spät, den Spaß an der Lektüre schmälert das jedoch kaum.

"Please Kill Me" ist als reich gefüllte Schatzkiste voller denkwürdiger Anekdoten und teilweise unglaublich wirkender Schnurren zu verstehen. Wer eine erschöpfende Analyse des Punk sucht, der sollte besser zu Jon Savages - allerdings auf das Königreich fokussierte - Chronik "England's Dreaming" zurückgreifen. McNeil interessiert das revolutionäre Potenzial des Phänomens bestenfalls am Rande. Ja, ihm ist sogar die Musik ziemlich gleichgültig: "In dem Buch kommt so gut wie keine Musik vor", erzählte er einem Internet-Fanzine. "Es geht nur um Verbrechen, Sex und Drogen. Für mich hatte Punk immer mehr mit Verbrechen zu tun als mit Musik."

Davon bekommt der geneigte Leser in dem dicken Schmöker die volle Dosis. Mindestens die Hälfte von "Please Kill Me", das seinen Titel der freundlichen Aufforderung auf einem T-Shirt von Richard Hell verdankt, ist mit Schilderungen von Heroinüberdosen, Backstage-Exzessen und Entzugselend gefüllt. Entsprechend schickte ein erklecklicher Anteil der beteiligten Musiker, Groupies, Manager und Fans O-Töne aus dem Jenseits herüber: Von Johnny Thunders (New York Dolls) bis Dee Dee Ramone starben in den letzten 15 Jahren zahlreiche Punkhelden nach jahrzehntelangem Drogenmissbrauch. Künstlerisch war schon Ende der Siebziger die rohe Kraft der Anfangszeit dem von Kokain angetriebenen Superstar-Traum vieler Akteure gewichen. Die Vollzeitjunkies brachten da sowieso keine Platten mehr zustande.

Eine der wenigen Figuren, die Punk von der Anfangszeit bis heute mehr oder weniger glaubwürdig verkörpern, ist Iggy Pop. Entsprechend viel Platz räumt das Buch dem scheinbar unverwundbaren Ex-Stooges-Frontman und Gesamtkunstwerk ein: Iggys härteste Höllentrips und Selbstverstümmelungen auf der Bühne würden allein für zehn handelsübliche Rock-'n'-Roll-Tode reichen - und könnten einen eigenen Band füllen. Der Mann selbst erinnert sich naturgemäß zwar nur an wenig, das aber pflegt er ebenso glaubwürdig wie einsilbig zu rekapitulieren: "John Sinclair (Manager der MC5, Anm. d. Red.) sagte dauernd: Wir wollen die Jugend politisieren!' Doch die Kids sagten bloß: WIE BITTE? Gib mir lieber was zu kiffen.' Ihnen ging das am Arsch vorbei. So sah das nämlich in Wirklichkeit aus."

Viele andere Stimmen sehen das ähnlich. Punk war für sie als faule, arbeitslose Jugendliche ohne irgendeine Perspektive die rettende Möglichkeit, ihr Leben nach eigenen Gesetzen zu gestalten - auch wenn sie dabei häufig mit der US-Gesetzgebung in Konflikt gerieten. Punk war keine gemeinsame Revolte, sondern für die meisten Beteiligten eine sehr egoistische Angelegenheit. Und meist so kaputt und absurd wie folgende Fan-Anekdote von einem der letzten Stooges-Konzerte: "Vor ihrem Auftritt kriegte ich mit, wie sie sich Hände voller Angel Dust reinzogen. Das Komischste überhaupt war, dass Elton John nach Atlanta geflogen war, weil er Iggy unter Vertrag nehmen wollte oder so. Elton hatte sich ein Gorillakostüm angezogen, sprang auf die Bühne und schnappte sich Iggy. Iggy war so randvoll mit Dust, dass er nicht wusste, wie ihm geschah. Er schrumpfte vor Schreck regelrecht zusammen, er wusste ja nicht, dass das kein echter Gorilla war."

Bei aller Unterhaltsamkeit des Punk-Ziegels gäbe es auch Kritikpunkte: etwa, dass die Auswahl der Interviewpassagen eine höchst subjektive Übung ist und deshalb die einen - Johnny Thunders oder auch die Blondie-Frontfrau Debbie Harry - besser wegkommen, die anderen - Lou "Arschloch" Reed oder David "gut fürs Image" Bowie - wesentlich schlechter. Andererseits muss ein gelungener Text über Punk ebenso widersprüchlich ausfallen wie sein Gegenstand. Und aus diesem Grund ist "Please Kill Me" als grelle Collage voll Glanz und Elend jeder idealisierenden Rock-'n'-Roll-Heldendichtung hundertmal vorzuziehen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 13/2004



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