Nachlass

Magdalena Agdestein


In Magdalena Agdesteins Roman über eine Kindheit im Schatten von Mauthausen erfahren die Dimensionen des Leidens eine fragwürdige Verzerrung.

Johanna, die Protagonistin aus "Nachlass", dem Romandebüt von Magdalena Agdestein, leidet an der Schuld, die die Vätergeneration auf sich geladen und nachher verdrängt und verleugnet hat. Moralisch skrupulös, gewiss, doch in ihrem Falle ist man geneigt zu sagen: Es wäre besser, würde sie etwas mehr Gefühlskälte an den Tag legen. Die Österreicherin, die seit langem in Norwegen zu Hause ist, hat sich so stark mit den Opfern der Konzentrationslager identifiziert, dass sie psychologischer Behandlung bedurfte. Mauthausen steht als Geburtsort in ihren Papieren. Ob ihre Eltern dort schon immer gewohnt haben, wird sie einmal von ihrem Chef gefragt. Und was sie eigentlich wisse von dem, was sich dort abgespielt hat. "Man riecht es doch, wenn Menschenfleisch verbrannt wird!" Johanna macht die Last der Erinnerung zu ihrem Auftrag: "nur jetzt an nichts anderes denken - (...) ich bin ein verlängerter Arm der Schreibmaschine."

Magdalena Agdestein beschreibt eine Generation von Nachgeborenen, die an dem Erbe zu leiden hatten, das die Fünfziger- und Sechzigerjahre prägte: der nicht akzeptierten Schuld, dem Kriegstrauma, dem latenten Antisemitismus und den unterschwelligen Bewunderungen für Hitler. Agdesteins Protagonistin, die autobiografische Züge trägt, sieht sich als Kind einem Gewirr divergierender Ansprüche ausgesetzt. Eltern, Verwandte und Nachbarn fordern, dass sie sich dem rechtskonservativen Zeitgeist der Region unterwirft, die Schule weiß nicht so recht, wie sie sich positionieren soll, und das offizielle Österreich verlangte Aufarbeitung, Trauer und Gedenken.

Johanna lebt den Spagat. Sie will internationalen Besuchern den Weg zur Gedenkstätte offen zeigen können, ohne damit ihren traumatisierten und faschistoiden Vater zu verletzen. Die Rückblenden ins Klassenzimmer, zu den Albträumen des Vaters, der im Verlauf des Kriegs auch im Warschauer Ghetto Dienst tat, und zu den Sonntagsausflüglern, die sich in der Jausenstation der Gedenkstätte vergnügen, zeichnen ein detailliertes, präzises und in seiner Unerträglichkeit überwältigendes Bild nationalkonservativer Selbstgerechtigkeit.

Dass "Nachlass" sich dennoch in Betroffenheit festläuft, liegt an der deterministischen Konstruktion des Romans, derzufolge der Name Mauthausen allein die Verantwortung dafür trägt, dass die erwachsene Johanna mit ihrem Leben nicht zurechtkommt. In Norwegen, im Behandlungszimmer einer Therapeutin, werden die Erinnerungen an das Mauthausen der Kindheit evoziert. Die Patientin leidet unter Zwangshandlungen. Für ihren norwegischen Gatten und die Kinder ist sie eine Belastung.

Diese Rahmenhandlung ist der Autorin stellenweise völlig aus dem Ruder gelaufen, sodass die Proportionen völlig verzerrt werden. Sie erzählt, wie sich die Patientin wider besseres Wissen von einer Freundin überreden lässt, sie ins Schwimmbad zu begleiten. Der Anblick des Duschraums löst bei Johanna Panik aus. Als sie sich zwingt, ihn dennoch zu betreten, erleidet sie einen Erstickungsanfall. Großes Gefühlskino - bedeutungsschwer, effekthascherisch, überzeichnet und unsensibel.

Im Nachspann erfährt der Leser dann auch noch, dass Johannas Therapeutin die Tochter eines polnischen KZ-Überlebenden ist. Was soll man daraus schließen? Dass die Kinder der Holocaust-Überlebenden in psychisch weniger belastenden Verhältnissen aufgewachsen sind als die Kinder der Täter und Mitläufer? Johanna müsste eigentlich neidisch sein auf die pumperlg'sunde polnische Tochter eines KZ-Überlebenden. Ist sie aber nicht, denn Agdestein hat ihr die Rolle des größeren Opfers zugewiesen.

Martin Droschke in FALTER 13/2004



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